| 27.11.2024
„Macht die Technologie uns alle blöd?“
Heidi Macha-Krau, Ricki Nusser-Müller-Busch und Linda Schrey-Dern nehmen Wissenswertes unter die logopädische Lupe.
So provokant fragt die Neurowissenschaftlerin und Science-Slammerin Franca Parianen* und legt nach: „Wer mit ChatGPT arbeitet, häuft kognitive Schulden an.“ Sie zitiert eine Studie des Massachusetts Institute of Technology. In dem Experiment arbeitete ein Teil der Versuchspersonen eigenständig, ein Teil mit Suchmaschinen und die dritte Gruppe mit ChatGPT. Letztere zeigte den geringsten Lerneffekt und weniger vernetzte Hirnaktivität. Use it or lose it!
Nach Parianen ist die Künstliche Intelligenz (KI) im Krebs-Screening unschlagbar. Die Trefferquote von Ärzt*innen sank nach längerer KI-Nutzung von 27 auf 22 Prozent. Blöd ist auch, dass Pilot*innen seit der Nutzung von Autopiloten in Tests ohne automatisierte Hilfe schlechter abschneiden. Ihnen wird geraten, öfter mal halbautomatisch zu fliegen.
Cognitive Offloading (kognitive Entlastung oder Auslagerung geistiger Arbeit) ist die Folge der KI-Nutzung. Wir sourcen out: vom Gehirn in die Cloud. Klar, wir können Wissen abgeben. Einkaufszettel und Terminplaner helfen, Platz im Kopf zu schaffen, das war immer so. Wir nutzen Begriffe wie ChatGPT und USB ohne zu wissen, was sie eigentlich bedeuten. (Damit jetzt nicht alle nachschauen: GPT steht für Generative Pre-trained Transformer, USB für Universal Serial Bus). Aber es macht für unser Gedächtnis einen Unterschied, ob wir etwas analog gelernt haben oder nur wissen, wo man es findet. Nach Parianen bleibt eine aus dem Netz kurz abgerufene Information nur solange im Hirn wie die Backanleitung auf dem Pizzakarton, die wir jetzt wieder aus dem Müll fischen müssen, um nochmal nach der Minutenangabe zu gucken. Ich fühle mich ertappt!
Und früher?
1969 konnte der 32 Kilogramm schwere Apollo Guidance Computer einen Bruchteil der Daten unserer heutigen 200-Gramm-Smartphones verarbeiten – genug für die Mondlandung im Juli 1969.
1987 wurde mit der Landkarte auf dem Beifahrersitz aus Köln kommend die richtige Autobahn-Ausfahrt Richtung Hagen gefunden. Herdecker Zivildienstleistende brachten damals sehnlichst erwartete Artikel aus der Universitätsbibliothek Köln. Die drei kopierten Seiten fühlten sich an wie ein Lottogewinn.
Wir Peer-Analog*innen amüsieren uns über Fehler bei der Nutzung von Navigationssystemen. Sei es, dass Fähren als vermeintliche Straßen erkannt werden und der Fahrer im Wasser landet, oder dass sich ein römischer Rentner mitten auf der Spanischen Treppe wiederfindet. Aber wir schaudern, wenn die BBC ein KI-Studienergebnis vorlegt, wonach 45 Prozent der Zusammenfassungen journalistischer Artikel diese fehlerhaft wiedergeben. Parianen: „Digitale Technik kann also sehr wohl unser Denken und sogar unser Gedächtnis beflügeln. Aber nur in dem Ausmaß, in dem wir mitdenken.“
In seinen Anfängen machte mich ChatGPT zur Ex-Freundin von Mesut Özil. Das war ja noch witzig. Aber Tech-Konzerne stehlen für die Erstellung von KI das Wissen der Menschheit. Die Arbeit müssen Clickworker*innen im globalen Süden unter prekären Bedingungen erledigen. Bittere Realität: Wir Nutzer*innen beuten aus und werden selber ausgebeutet.
Unter dem Motto „Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln“ gibt es jetzt den monatlichen Digital Independence Day zum Hinterfragen der von uns genutzten digitalen Plattformen (https://di.day/). Wir bekommen Alternativen mit mehr Datenschutz, statt unsere Daten den US-Servern zu überlassen.
Ich habe schon begonnen: Mehr Signal statt WhatsApp, große Datensätze sende ich mit SwissTransfer.com statt mit WeTransfer.com. Ich google nicht mehr, seit 2019 ecosiere ich. Für rund 30 Suchen pflanzt Ecosia einen Baum. So gesehen bin ich seit einigen Jahren Waldbesitzerin…
KI-Knigge
Die KI nicht als Freund*in begreifen und uns schon gar nicht in sie verlieben!
Keine persönlichen Daten, Firmeninterna eingeben und regelmäßig den Suchverlauf löschen. Die Datenschutzbedingungen lesen! Suchmaschinen und Taschenrechner nutzen. Sollen wir höflich zur KI sein, bitte und danke sagen? Nein, das kostet extra Rechenleistung/Energie! Aber wenn vormittags die KI hilfreiche Hinweise gibt, nachmittags hingegen nur Stuss liefert, bin ich schon versucht zu schreiben: „Hattet ihr Schichtwechsel?“
Ricki Nusser-Müller-Busch
Weitere Beiträge
Dieser Artikel entstammt der Fachzeitschrift forum:logopädie ( Ausgabe 4 / Juli 2026 ).
Die Zeitschrift kann beim Richard Pflaum Verlag einzeln bestellt oder zum dauerhaften Bezug abonniert werden (weitere Infos).
Mitglieder des dbl erhalten die Zeitschrift forum:logopädie im kostenlosen Abonnement (
weitere Infos).
#forum:logopädie#KI (Künstliche Intelligenz)
News-Alarm
Sie erhalten eine E-Mail-Benachrichtigung, sobald neue Beiträge zu den ausgewählten Themen/Hashtags erscheinen.