Spätes Studium mit abgeschlossener Ausbildung

Motivation, Hürden und Vorteile aus Sicht einer Logopädin mit Berufserfahrung
Braucht ein Beruf, der lange von der klassischen Ausbildung geprägt war, angesichts einer nur langsam voranschreitenden Akademisierung mehr akademisch qualifizierte Fachkräfte? Wir haben mit Evelyn Lerch, einer erfahrenen Logopädin, die sich nach Jahren im Beruf für ein Studium entschieden hat, über Herausforderungen und ihre Motivation für ein spätes Studium gesprochen. Evelyn Lerch ist seit 2006 staatlich anerkannte Logopädin. Nach ihrem Staatsexamen arbeitete sie zunächst in logopädischen Praxen, bevor sie während ihrer Elternzeit eine Teilzeitstelle in einem Sozialpädiatrischen Zentrum übernahm. Dort ist sie bis heute tätig. Im September 2024 begann sie berufsbegleitend den Fern-Bachelorstudiengang Therapiewissenschaften, den sie im Juni 2026 erfolgreich abgeschlossen hat.

Was hat dich motiviert, nach der Ausbildung und mehreren Berufsjahren noch zu studieren?

Ich hatte schon direkt nach meiner Ausbildung den Wunsch zu studieren. Finanziell war es damals aber nicht möglich und ein berufsbegleitendes Studienmodell, das zu meiner Lebenssituation gepasst hätte, gab es noch nicht.

Mit der Zeit habe ich mich in meiner Arbeit zunehmend gefragt, worauf diagnostische Entscheidungen eigentlich beruhen und wie evidenzbasiert unser therapeutisches Handeln tatsächlich ist. Dabei wurde mir deutlich, dass es in manchen Bereichen an aktuellen Leitlinien und geeigneten Verfahren fehlt, zum Beispiel für mehrsprachige Kinder. Auch die Entwicklung unseres Berufs hat dabei eine Rolle gespielt. Es gab immer mehr Möglichkeiten, berufsbegleitend einen Bachelorabschluss zu machen, und Ausbildungsstandorte stellten auf ein rein akademisches Studium um. Ich wollte diesen Weg bewusst mitgehen und die Akademisierung unseres Berufs unterstützen. Außerdem hat mich die öffentliche Wahrnehmung unseres Berufs zunehmend beschäftigt. Viele wissen gar nicht, wie komplex logopädische Diagnostik und Therapie sind. Logopädie wird häufig nur auf die Behandlung des „Lispelns“ beschränkt.

Für mich ging es darum, mein therapeutisches Handeln besser begründen zu können.

Welche Erwartungen hattest du an das Studium und haben sich diese erfüllt?

Ich hatte vor dem Studium einige Sorgen: Angst vor dem Lernen sowie Zweifel, ob ich es neben Beruf und Familie schaffe. Letztlich haben sich die Befürchtungen kaum bestätigt. Am meisten überrascht hat mich, wie groß der Mehrwert des Studiums für mich war. Ich habe gelernt, Wissenslücken selbst zu erkennen, gezielt nach Antworten zu suchen und mein Wissen eigenständig auf dem aktuellen Stand zu halten. Heute frage ich mich zuerst: Was sagt die aktuelle Evidenz dazu, gibt es Leitlinien, welche Studien existieren? Das Studium hat aber nicht nur meine Arbeitsweise verändert, sondern auch mein fachliches Selbstverständnis. Ich bin heute eine andere Logopädin als vor dem Studium. Nicht, weil ich auf jede Frage eine Antwort habe, sondern weil ich heute weiß, wie ich gute Antworten finde. Ich hinterfrage therapeutische Methoden heute viel bewusster. Gute Therapie entsteht für mich aus der Verbindung von wissenschaftlicher Evidenz, klinischer Erfahrung und den individuellen Bedürfnissen und Präferenzen der Patient*innen. Daher denke ich auch, dass die Akademisierung der Logopädie ein längst notwendiger Schritt ist.

Wie hast du das Studium zeitlich mit Beruf und Familie vereinbart?

Ohne die Unterstützung meines Mannes hätte ich das Studium nicht in dieser Form machen können. Der zeitliche Aufwand war je nach Studienphase sehr unterschiedlich. In intensiven Phasen habe ich bis zu 25 Stunden pro Woche für das Studium investiert und parallel 25 Stunden gearbeitet. Mir hat das Studium gezeigt, dass gutes Zeitmanagement allein nicht ausreicht, man muss auch auf sich selbst achten. Für mich war Schlaf und Zeit mit Familie und Freunden das A und O.

Wie war es für dich, mit Studierenden zu lernen, die möglicherweise deutlich jünger waren als du selbst?

Der Altersunterschied war für mich nie wichtig. Es gab außerdem auch andere Studierende, die ebenfalls bereits Berufserfahrung oder Familie hatten.

In Gruppenarbeiten war ich durch meine langjährige Berufserfahrung oft diejenige, die praktische Beispiele einbringen konnte. Gleichzeitig habe ich von den Perspektiven meiner jüngeren Kommiliton*innen profitiert.

Rückblickend war meine Berufserfahrung für das Studium sogar ein großer Vorteil. Viele Fragen sind erst im Berufsalltag entstanden und haben meine Neugier auf Forschung und evidenzbasiertes Arbeiten geweckt.

Welche Vor- und Nachteile hat ein spätes Studium aus deiner Sicht?

Durch meine Berufserfahrung konnte ich viele theoretische Inhalte mit konkreten Situationen aus meinem Berufsalltag verknüpfen. Rückblickend glaube ich, dass ich von dem Studium heute deutlich mehr profitieren konnte als unmittelbar nach meiner Ausbildung.

Der größte Nachteil war für mich die finanzielle Belastung. Es gab kein BAföG mehr, keinen Arbeitgeberzuschuss, und einen Kredit wollte ich nicht. Dazu kam die Dreifachbelastung durch Beruf, Familie und Studium. Es gab Phasen, in denen ich gemerkt habe, dass ich an meine Grenzen komme, habe aber gelernt, diese Grenzen wahrzunehmen und bewusst gegenzusteuern.

Was würdest du Kolleg*innen raten, die ebenfalls ein spätes Studium in Erwägung ziehen?

Ich würde raten, es einfach zu wagen. Berufsbegleitend zu studieren erfordert Selbstorganisation, Eigenverantwortung und Durchhaltevermögen. Gleichzeitig sollte man sich aber nicht von Zweifeln oder dem eigenen Alter abschrecken lassen.

Familie, Beruf oder andere Verpflichtungen gibt es fast immer. Irgendwann muss man einfach anfangen.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft der Logopädie?

Ich wünsche mir, dass sich noch mehr Logopäd*innen aus der Praxis auf den Weg machen und selbst Forschung mitgestalten. Niemand kennt die Fragen aus dem Berufsalltag besser als sie. Jede Bachelor- oder Masterarbeit, die veröffentlicht wird, und jeder fachliche Austausch bringt unsere Profession ein Stück weiter.

Herzlichen Dank an Evelyn Lerch!

Marietheres Pscheidt für die BSV


Weitere Beiträge

Dieser Artikel entstammt der Fachzeitschrift forum:logopädie ( Ausgabe 6 / November 2026 ).
Die Zeitschrift kann beim Richard Pflaum Verlag einzeln bestellt oder zum dauerhaften Bezug abonniert werden (weitere Infos).

Mitglieder des dbl erhalten die Zeitschrift forum:logopädie im kostenlosen Abonnement (weitere Infos).

#forum:logopädie

News-Alarm

Sie erhalten eine E-Mail-Benachrichtigung, sobald neue Beiträge zu den ausgewählten Themen/Hashtags erscheinen.