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Meldungen, TdL 2018 03.03.2018 07:00 Alter: 287 Tage

"Es ist nicht schwierig, wenn die Bereitschaft für Kommunikation da ist"

Unterstützte Kommunikation: Erfahrungsbericht zum Europäischen Tag der Logopädie

Selma kommuniziert mithilfe eines Talkers. (Foto: privat)

Mitreden, ohne sprechen zu können, wie geht das? Die elfjährige Selma kam als Frühchen mit einer Bewegungsstörung nach Sauerstoffmangel auf die Welt. Sie sitzt im Rollstuhl, kann Hände und Beine nicht gezielt steuern und ihr Sprechvermögen ist stark eingeschränkt. Ihre Erkrankung heißt Infantile Cerebralparese. Hier berichtet ihre Mutter Bettina, 44, über ihre Erfahrungen:

"Selma kann Sprachlaute nicht richtig produzieren. Einige wenige Wörter wie Papa, Mama, Opa und Oma kann sie genuschelt artikulieren. Nur wenn man Selma und den jeweiligen Kontext kennt, kann man sich grob mit ihr unterhalten. Zu Hause kommuniziert sie relativ viel mündlich mit uns, weil wir Eltern und ihr Bruder mit Selma ein gut eingespieltes Team sind. Insbesondere für die Gespräche in der Schule nutzt Selma jedoch hauptsächlich ihren Talker, einen Computer mit Sprachausgabe, der mit einer Stange an ihrem Rollstuhl befestigt ist. Der Talker verfügt zwar über einen 14 Zoll großen Touchscreen, sie muss ihn aufgrund ihrer eingeschränkten Motorik jedoch mit Blicken steuern. Die Augensteuerung funktioniert per Infrarot. Ein solches Gerät nutzt Selma etwa seit ihrem vierten Lebensjahr. Eine Therapeutin in einem Sozialpädiatrischen Zentrum in Hannover hatte ihr Potential erkannt und sich dafür eingesetzt.

Den Umgang mit dem Gerät lernte sie anfangs vor allem spielerisch: So wurde sie zum Beispiel dazu animiert, Ballons per Augensteuerung zum Platzen zu bringen. Auf dem Gerät befindet sich eine Seite mit vielen Feldern. Hinter jedem Wort findet Selma eine Wortfamilie. Ein Beispiel: Das Wort ‚Auto‘ – dahinter verbergen sich ‚Auto fahren‘, ‚ich fahre‘, ‚du fährst‘, ‚er/sie/es fährt‘ etc.  sowie Adjektive wie ‚schnell‘ und ‚langsam‘ oder auch Verkehrsmittel. Die Systematik orientiert sich an der kindlichen Sprachentwicklung. Teils findet Selma auf dem Gerät auch vorgefertigte Sätze, wie ‚Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden.‘ In der Regel braucht es mindestens zwei Klicks, die mit Augenbewegungen erzeugt werden, um ein Wort zu finden, manchmal auch vier oder fünf. So können natürlich mehrere Minuten vergehen, bis Selma einen Satz erzeugt hat. Das ist nicht immer einfach für sie. Unsere gesprochene Sprache – zum Beispiel unter den Mitschülern – ist sehr schnell. Dann ist es für Selma oft sehr schwierig, mit ihrem Talker dazwischen zu kommen und mitzureden.

Es war wichtig für Selma, dass wir als Eltern den Umgang mit dem Talker gleichermaßen gelernt haben und ihr als Vorbild dienen konnten. Die Fachleute sprechen hier von Modelling – dieses Vorbildsein war anfangs tastsächlich das A und O.

Manche Bedingungen erschweren hingegen den Einsatz des Talkers: Selma ist Brillenträgerin und gelegentliche Spiegelungen in der Brille verhindern das richtige Erfassen der Augensteuerung. Außerdem funktioniert das Gerät schlecht im Sonnenlicht, ebenfalls aufgrund von Spiegelungen. Selma nutzt daher als Alternative zum Talker auch eine Blicktafel bzw. Augentafel. Hierbei handelt es sich um eine farblich codierte Tafel mit Buchstabenfeldern. Hierfür musste Selma erst lesen und schreiben können, denn hier wird Buchstabe für Buchstabe durch die Blickrichtung angezeigt. Dabei benötigt ein Buchstabe das Anzeigen von zwei Blickrichtungen.

Etwa seitdem Selma in der dritten Klasse ist, sieht sie einmal pro Woche eine Logopädin – inzwischen auch zweimal. Die Logopädin mit Talkererfahrung übt mit ihr intensiv Grammatik, denn hier hat sie häufig noch Probleme, die richtige Form zu finden, beispielsweise ‚ihm‘ oder ‚ihn‘, ‚dem‘ oder ‚den‘. Selmas Schulassistenz übt mit ihr zudem gezielt Situationen außerhalb ihres vertrauten Umfelds, beispielsweise das Einkaufen von Obst und Gemüse. Hier zeigt sich, wie bedeutsam die Reaktionen anderer Menschen sind. Es spielt eine große Rolle, dass man sich auf Selma einstellt. Es ist nicht schwierig, wenn die Bereitschaft für Kommunikation da ist. Wenn man ihr Zeit gibt, ist es sehr gut möglich, sich mit Selma ‚normal‘ zu unterhalten. Es ist außerdem hilfreich, wenn Menschen, die auf Selma treffen, offen mit der Situation umgehen und sagen: ‚Das ist neu für mich, ich bin aufgeregt und weiß nicht genau, wie ich mich verhalten soll‘. Diese Ehrlichkeit und Erkenntnis, dass auch das Gegenüber Probleme mit der Situation hat – nicht nur das Kind mit Behinderung – sind sehr wertvoll. Selma ist überdies wahnsinnig geduldig, sie kann nur darauf hoffen, dass ihr jemand die Chance gibt, sich mitzuteilen und ihr ausreichend Zeit dafür schenkt.

Die Unterstützte Kommunikation mittels Blicktafel und Talker bedeutet für Selma, dass sie am Familienleben und an der Gesellschaft teilhaben kann. Zwar fallen ihr Lesen und Schreiben immer noch nicht ganz leicht, aber die Komplexität ihrer Kommunikation hat stark zugenommen. Sie reflektiert und kommuniziert inzwischen auch ihr Selbstbild als Kind mit Behinderung. Anlässlich der Geburt des Kindes ihrer Lehrerin machte sie sich zum Beispiel mit Blick auf ihre eigene Situation Gedanken um die Gesundheit des Babys. All dies hat sicherlich auch mit ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu tun, aber ohne Hilfsmittel wie den Talker, der ihr die grammatische Struktur an die Hand gibt, könnte sie sich nicht in dieser Form äußern. So stehen ihr alle Wegen offen, sich zu mitzuteilen."

Europäischer Tag der Logopädie am 6. März

Am Europäischen Tag der Logopädie, der jedes Jahr am 6. März begangen wird, informieren Logopädinnen und Logopäden die Öffentlichkeit über logopädische Themen. In diesem Jahr steht das Thema Unterstützte Kommunikation im Mittelpunkt. In Deutschland ist dieser Aktionstag  im Jahresplaner Gesundheitstage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gelistet. Ins Leben gerufen hat ihn der Europäische Dachverband der Nationalen Logopädenverbände, das Comité Permanent de Liaison des Orthophonistes-Logopèdes de l'Union Européenne (CPLOL). Dem CPLOL gehören 35 Verbände aus 32 europäischen Ländern an.

Von: GS/mage

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