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Sprachstandserhebung/Sprachförderung, Meldungen 04.06.2014 17:36 Alter: 4 Jahr(e)

NRW-Landtag beschließt Änderung des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz)

Sprachförderung wird um fünf Millionen aufgestockt - alltagsintegrierte Sprachförderung erstmals gesetzlich verankert!

Mit dem KiBiz will NRW bessere Chancen für alle Kinder in Kitas schaffen. Dietlinde Schrey-Dern ordnet die Neuregelungen hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Sprachförderung ein.

Heute hat der nordrhein-westfälische Landtag ein Gesetz zur Änderung des Kinderbildungsgesetzes und weiterer Gesetze verabschiedet. Das Parlament folgte der Beschlussempfehlung des zuständigen Ausschusses für Familie, Kinder und Jugend. Mit dieser zweiten KiBiz-Revision will die Landesregierung Qualitätsverbesserungen in der nordrhein-westfälischen Kindertagesbetreuung umsetzen: Die pädagogische Arbeit soll gestärkt, die Erzieherinnen und Erzieher entlastet, Einrichtungen in bildungsbenachteiligten Sozialräumen stärker gefördert und auch die Sprachförderung verbessert werden. Im Mittelpunkt steht, so die Landesregierung, das Ziel, für jedes Kind beste Bildungs- und Entwicklungschancen zu gewährleisten und Benachteiligungen abzubauen. Für die zweite KiBiz-Revision stellt das Land jährlich rund 100 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung, fünf Millionen davon sollen in den Bereich der Sprachförderung fließen.

Schwerpunkte der zweiten KiBiz-Revision sind die Einführung einer Verfügungspauschale, mit der die Einrichtungen personell verstärkt werden sollen. Hierfür stellt das Land jährlich insgesamt rund 55 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung.

Einrichtungen in Stadtteilen mit einem hohen Anteil bildungsbenachteiligter Familien erhalten zudem Mittel für zusätzliches Personal. Für dieses "plusKITA"-Programm sind jährlich insgesamt rund 45 Millionen Euro vorgesehen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sprachförderung. "Künftig wird jedes Kind von Anfang an alltagsintegriert und stärkenorientiert sprachlich gefördert", so das zuständige Familienministerium. Dies setze eine kontinuierliche Beobachtung und Dokumentation der Sprachentwicklung voraus. Dafür sollen die Fachkräfte die Möglichkeit erhalten, sich entsprechend zu qualifizieren. Das Land stellt hierfür zusätzliche Mittel in Höhe von fünf Millionen Euro bereit. Die bisher für die Sprachförderung verausgabten 25 Millionen Euro sollen vollständig im System bleiben.

Mit der Neufassung des Kibiz wird erstmals die alltagsintegrierte Sprachförderung gesetzlich verankert. Der Sprachtest Delfin 4 wird für Kita-Kinder 2014 zum letzten Mal stattfinden. Für Kinder, die keine Kindertageseinrichtung besuchen, bleibt es bei dem bisherigen Verfahren.

Neben anderen Korrekturen des Kinderbildungsgesetzes ist darüber hinaus vorgesehen, dass die Jugendämter in Nordrhein-Westfalen zusätzliche Mittel für Bildungsgerechtigkeit und Sprachförderung nach einem gesetzlich vorgegebenen Schlüssel erhalten. Die Mittel sind dann im Rahmen der örtlichen Jugendhilfeplanung und der gesetzlichen Vorgaben an die entsprechenden Einrichtungen weiterzuleiten. 
Die neuen Regelungen treten bereits zum 1. August 2014 in Kraft.

Drei Fragen zur KiBiz-Revision an die Expertin für Sprachentwicklung und Sprachförderung, Dietlinde Schrey-Dern (Lehrbeauftragte im Studiengang Lehr- und Forschungslogopädie der RWTH Aachen)

  • Wie beurteilen Sie die zweite KiBiz-Revision hinsichtlich des Aspektes der Sprachförderung?

Schrey-Dern: Als ehemalige dbl-Referentin für Sprachförderung fühle ich mich durch die Aufnahme der alltagsintegrierten Sprachförderung in das Gesetz bestätigt und begrüße daher diese Entwicklung. Schließlich hat sich der dbl seit Jahren gegenüber dem Ministerium für dieses Konzept eingesetzt – mit Erfolg, wie man sieht! Dies ist auch äußerst positiv für die Mitglieder, die sich zu Sprachreich-Trainerinnen fortgebildet haben, denn sie können sich nun unter Verweis auf das Gesetz gegenüber Kita-Trägern noch besser positionieren.

  • Gibt es auch Aspekte, die Sie kritisch sehen?

Schrey-Dern: Ja, denn bedauerlicherweise hat die Landesregierung die Revision des KiBiz nur halbherzig vorgenommen: Unsere Forderungen zum Einsatz von Screenings zur Einschätzung von Risikofaktoren für das Vorliegen einer Sprachentwicklungsstörung sind leider nicht berücksichtigt worden.

Kritisch sind zudem die Ausführungen zur Beobachtung und Dokumentation. Die Beobachtungs-Screenings sollten in jedem Fall dahingehend präzisiert werden, dass Risikofaktoren für das Vorliegen einer Sprachentwicklungsstörung aufgenommen werden. Des Weiteren sollte im Bedarfsfall ein psychometrischer Test durchgeführt werden, der sprachentwicklungsgestörte Kinder aus dem Pool der sprachlich auffälligen Kinder identifiziert.

  • Wie könnte dies gewährleistet werden?

Schrey-Dern: Frühpädagogische Fachkräfte müssten entsprechend für die Durchführung der Beobachtungsverfahren geschult werden und die Durchführung psychometrischer Testverfahren sollte entsprechenden Experten, wie LogopädInnen, vorbehalten sein. Hier muss der dbl also noch einmal das Gespräch mit dem Ministerium suchen, denn dieses zweistufige Diagnosevorgehen repräsentiert eine Schnittstelle zwischen Bildungs- und Gesundheitswesen, die zu einer Optimierung der Versorgung von Kindern beitragen kann und einen wesentlichen Baustein bei der Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen darstellt. Langfristig kann eine solche Kooperation dazu beitragen, dass die Zahl der Kinder, die noch zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchung sprachentwicklungsauffällig oder -gestört sind, reduziert wird.

Ich hoffe sehr, dass diese Sicht der Dinge sich langfristig durchsetzen lässt. Das aktuelle Konsensuspapierzwischen BVKJ, dgs, dbs, ÖGD und dbl weist genau diesen Weg auf und macht konkrete Vorschläge zur optimalen Nutzung bestehender Ressourcen.

Weitere Informationen aus der Parlamentsberichterstattung des NRW-Landtages

Von: (GS/Feit)

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