Sie befinden sich hier: Startseite > Service > Meldungen > Einzelansicht 

Meldungen

Meldungen 11.04.2017 09:26 Alter: 225 Tage

Parkinson: Was können Betroffene im Alltag tun?

Interview zum Welt-Parkinson-Tag mit Saskia Sickert, Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl)

© Ocskay Mark - Fotolia.com

260.000 bis 280.000 Menschen in Deutschland leben nach Schätzungen mit Morbus Parkinson. Die neurodegenerative Erkrankung bringt erhebliche Einschränkungen mit sich: zum Beispiel Bewegungsveränderungen oder Beeinträchtigungen in der Kommunikation und bei der Nahrungsaufnahme.

dbl: Was sind das konkret für Beeinträchtigungen?

Sickert: Es kommt zu Veränderungen des Sprechens. Das Sprechen ist ein hochkomplexer Ablauf von vielen Muskelgruppen. Zusätzlich muss die Atmung koordiniert werden. Wenn die für diese Bewegungsabläufe notwendigen Botenstoffe im Gehirn nicht zur Verfügung stehen, ist die "Feinabstimmung" dieses Muskelkonzerts betroffen. So ist es bei dieser Erkrankung charakteristisch, dass die Betroffenen zunehmend leiser und verhaucht sprechen und die Stimme monotoner wird. Die Bewegungen für die Lautbildung werden ebenfalls eingeschränkt, so dass die Lautbildung und damit die Aussprache undeutlicher werden. Das Sprechtempo variiert von manchmal überhastetem Sprechen hin zu langen Pausen und wiederum langsamem Sprechen.

dbl:Was können Patientinnen und Patienten im Alltag tun? Wie können Angehörige unterstützen?

Sickert: Die Kommunikation kann erleichtert werden, indem die Patientinnen/Patienten den Blickkontakt zu ihren Gesprächspartner/innen herstellen und halten. Die Aufmerksamkeit wird dadurch intensiviert und die Kommunikationspartner/innen können sich besser aufeinander einstellen. Das Aufeinandereinstellen umfasst die Ermunterung, den Patientinnen/Patienten Zeit zu lassen sich auszudrücken In einer aufrechten Körperposition können sie tiefer atmen und haben mehr Luft zum Sprechen. Es ist wichtig, Betroffene in allem – auch bei der Kommunikation – zu unterstützen, denn die Gefahr des sozialen Rückzugs und der Isolation ist sehr groß. Aufklärung im Angehörigen- und Freundeskreis ist wichtig, um die Lebensqualität zu erhalten.

dbl: Warum kann die Nahrungsaufnahme schwierig sein?

Sickert: Auch der Schluckvorgang ist ein komplizierter Vorgang, bei dem 50 Muskelgruppen fein abgestimmt funktionieren müssen. Nicht nur das Kauen ist ein gut koordinierter Vorgang, auch die Sicherung der Luftröhre muss zeitlich abgestimmt sein. Wenn die Bewegungen im Verlauf der Erkrankung nicht mehr genau abgestimmt sind, kann es vermehrt zum Verschlucken kommen und heftigen Hustenattacken kommen, die die Betroffenen erheblich belasten. Nahrung kommt in die Atemwege. Dann ist dringend und unbedingt abzuklären, wie und was sicher gegessen und getrunken werden kann.

dbl: Worauf können Patientinnen und Patienten beim Essen und Trinken achten?

Sickert: Für den Alltag ist es wichtig, dass Betroffene ihren Speiseplan kennen. Mit einer Logopädin/einem Logopäden sollte beraten werden, welche Speisen gefahrlos gegessen werden können, wie müssen Getränke zu sich genommen werden, damit sie nicht verschluckt werden? Und Schluckstörungen machen leider auch vor Tabletten nicht Halt. Eine bestehende Schluckstörung sollte angesprochen werden, damit die Patientinnen und Patienten ihre Medikamente in einer sicheren Form erhalten. Mahlzeiten können bewusst gestaltet werden, dabei vermittelt die Logopädische Therapie spezielle Kompensationsstrategien und Techniken und trainiert die am Schlucken beteiligten Muskeln in der Therapie. Betroffene sollten diese Hinweise gut berücksichtigen und mehr Zeit und Ruhe für die Mahlzeiten einplanen. Auch spezielle Hilfsmittel wie Wärmeteller und spezielle Trinkgefäße können Erleichterung schaffen. Wichtig ist eine konsequente Mundpflege nach jeder Mahlzeit. Denn Essensreste verbleiben oftmals im Mund. Diese Reste können zu Entzündungen führen oder auch später verschluckt werden.

Für diese Erkrankung ist sowohl eine gute medizinische als auch therapeutische Versorgung von großer Wichtigkeit. Die verschiedenen Berufsgruppen, so beispielsweise aus der Medizin, der Logopädie, der Physiotherapie, der Ergotherapie und der Ernährungsberatung/Diätetik arbeiten intensiv zusammen, um gemeinsam die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen, sie in ihrer Krankheit bestmöglich zu behandeln. Die intensive Beratung der Angehörigen bzw. des sozialen Umfeldes sind dabei unabdingbar.

dbl: Vielen Dank für das Gespräch!

Von: GS/mage

Downloads/Links