Sie befinden sich hier: Startseite > Service > Meldungen > Einzelansicht 

Meldungen

Meldungen, Newsletter-Nichtmitglieder 04.10.2017 13:37 Alter: 17 Tage

Kurz vor zwölf: Jede zweite Logopädin denkt darüber nach hinzuschmeißen

"Ich bin dann mal weg" – Alarmierende Flucht aus den Gesundheitsberufen

Die Zahlen der Hochschule Fresenius offenbaren: Für die Gesundheitsberufe ist es kurz vor zwölf. (©Pixelfreund - Fotolia.com)

Deutschland droht in den kommenden Jahren ein gewaltiger Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen. Die Hochschule Fresenius in Idstein hat in der Studie "Ich bin dann mal weg" alarmierende Zahlen zum Fachkräftemarkt und zur Arbeitszufriedenheit in der Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie ermittelt. Von rund 1.000 Therapeutinnen und Therapeuten, die an der Erhebung teilnahmen, ist jeder vierte schon jetzt aus seinem Beruf ausgestiegen, fast die Hälfte denkt darüber nach. Nur knapp jeder dritte befragte Therapeut will aktuell auf jeden Fall in seinem Beruf weiterarbeiten. Vorgestellt wurden die Ergebnisse von den Studierenden des Masterstudiengangs Therapiewissenschaften im Rahmen eines Symposiums, das Ende September am Idsteiner Campus der Hochschule Fresenius stattfand.

Geringe Verdienstmöglichkeiten und mangelnde berufliche Perspektiven

Besonders kritisch ist die Situation bei den Logopädinnen und Logopäden sowie bei den Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Die Gründe für den Ausstieg seien überwiegend zu geringe Verdienstmöglichkeiten und mangelnde berufliche Perspektiven. "Angesichts der Tatsache, dass wir schon allein aufgrund der demografischen Entwicklung deutlich mehr Menschen in den Gesundheitsberufen brauchen, sind die Zahlen zur schon vollzogenen Berufsflucht, insbesondere aber die zu den drohenden Abgängen mehr als ernüchternd", sagt Dr. Sabine Hammer von der Hochschule Fresenius. "Gerade gesetzlich Versicherte könnten in Zukunft länger auf einen Termin warten müssen: Rund 13 Prozent unserer jetzigen Aussteiger wollen nicht mehr mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen." Weitere gut 20 Prozent sind so genannte "Vollaussteiger", die die Sparte komplett wechseln, zwei Drittel bezeichnet die Hochschule Fresenius als "Weiterentwickler", weil sie in Forschung und Lehre abwandern.

"Die Unterschiede zwischen denen, die schon weg sind und denen, die darüber nachdenken, sind nicht so groß", erläutert Hammer. "Die Hauptrolle spielen finanzielle Erwägungen." Dabei gehe es aber nicht allein um die pauschale Aussage "zu wenig Geld zu verdienen", sondern um das empfundene Ungleichverhältnis zwischen dem Arbeitslohn und der geleisteten Arbeit beziehungsweise den gestiegenen Lebenshaltungskosten. "Im ersten Fall sprechen wir auch über das Thema Wertschätzung, im zweiten über geänderte Verhältnisse: In den Gesundheitsberufen spielt oft bei den Berufseinsteigern der Verdienst noch keine so große Rolle."

Jede zweite Logopädin denkt darüber nach hinzuschmeißen

Bei der Betrachtung der einzelnen Berufsgruppen fällt auf, dass die Zahlen der Aussteiger noch nah beieinander liegen. In der Logopädie sind es 24 Prozent, in der Ergotherapie 21  und bei den Physiotherapeuten 25 Prozent. Erhebliche Abweichungen gibt es aber bei denjenigen, die aktuell über einen Ausstieg nachdenken. Bei den Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten machen sich laut eigenen Angaben 38 Prozent darüber Gedanken, in der Logopädie und Physiotherapie hingegen schon 50 beziehungsweise 51 Prozent.

"Diese Daten belegen, dass es notwendig ist, die monetären Anreize zu erhöhen und Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen, um dem Berufsausstieg und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken", mahnt Bundesvorstandsmitglied Antje Krüger, die für den dbl in Idstein war. Die grundständig akademisierte Ausbildung und die Neufassung der Berufsgesetze seien zwingende Schritte für die Attraktivität der Berufe und das Verweilen der Therapeutinnen und Therapeuten.

Lösungsansätze waren auch Bestandteil der Diskussionen und der Workshops im Rahmen des Symposiums. Einigkeit herrschte beispielsweise hinsichtlich der Forderung eines Mitspracherechts für Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden im Gemeinsamen Bundesausschuss, dem bisher Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen angehören.

Die Studie

An der Studie "Ich bin dann mal weg" nahmen insgesamt 984 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Gesundheitsberufen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie teil. Die Aufteilung im Einzelnen: Logopädie 433 Teilnehmende, Physiotherapie 306 und Ergotherapie 245. Konzipiert und durchgeführt wurde die Erhebung von den Studierenden des Masterstudiengangs Therapiewissenschaften an der Hochschule Fresenius in Idstein. Ziel der Untersuchung war es, den (möglicherweise drohenden) Fachkräftemangel in den genannten Berufen zu untersuchen und festzustellen, wie hoch die Zahl der Aussteiger ist und wofür die Gründe für eine Berufsflucht liegen. Die Ergebnisse wurden anhand der Beantwortung eines Online-Fragebogens ermittelt, der insgesamt 50 Tage abrufbar war. Die Studie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, spiegelt aufgrund der Teilnehmerzahl aber eine Entwicklung in der Branche wider.

Weitere Informationen zur Studie sowie zum Symposium finden Sie unter dem nachfolgenden Link.

Von: GS/mage

Downloads/Links