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Organisch bedingte Stimmstörungen

Organische Veränderungen unterschiedlichster Ursachen im Kehlkopf (Larynx) bzw. an den Stimmlippen (umgangssprachlich: Stimmbändern) werden als organische Stimmstörungen bezeichnet. Es kommt zu Stimmklangveränderung (Heiserkeit), Einbuße der Leistungsfähigkeit, Sprechanstrengung, Missempfindungen oder Schmerzen.

"Sekundär organische Stimmstörung"
Der 6 jährige Julian kommt mit einer ärztlichen Verordnung wegen Stimmlippenknötchen zur logopädischen Untersuchung. Es stellt sich heraus, dass er bereits vorher an einer funktionellen Dysphonie erkrankt war, die jedoch nicht behandelt wurde. Die Mutter ist alleinerziehende Lehrerin. Der Bruder der Mutter hat darauf gedrungen, den Jungen wegen der stark heiseren Stimme einem HNO-Arzt vorzustellen, da er selbst Kehlkopfkrebs hatte. Die Erzieherin im Kindergarten wies ebenfalls auf Julians heisere, angestrengte und laute Stimme hin. Seine Stimme ist stark heiser, rau und behaucht, die Stimmlage vertieft, die Lautstärke erhöht. Bei normaler Lautstärke wird die Stimme teilweise aphon (tonlos). Beim Sprechen tritt hörbare Schnappatmung und Anstrengung auf, die im Halsbereich mit Hervortreten der Venen sichtbar wird. Julian ist extrovertiert, hyperaktiv und impulsiv. Im Sommer soll er eingeschult werden.

Welche Ursachen haben kindliche organisch bedingte Stimmstörungen?

Organische Stimmstörungen können aufgrund angeborener oder erworbener organischer Veränderungen, sekundär (primär war eine funktionelle Dysphonie vorhanden) organischer Veränderungen, traumatischer oder hormoneller Ursachen entstehen. Aus funktionellen Stimmstörungen können im Verlauf sekundär organische Dysphonien (Knötchen, Polypen) entstehen und aufgrund organischer Ursachen (Lähmungen, Entzündungen) kann es in Folge zu funktionellen Stimmstörungen kommen.

Wie kann kindlichen Stimmstörungen vorgebeugt werden?

Organischen Stimmstörungen an sich kann in der Regel nicht stimmtherapeutisch vorgebeugt werden, da die Ursachen organisch, hormonelle, traumatisch oder entzündlich sind. Es kann bei sekundären organischen Veränderungen, wie Stimmlippenknötchen oder -polypen, nur deren primärer Ursache, einer funktioneller Dysphonie, vorgebeugt werden.

Wie häufig kommen kindliche organische Stimmstörungen vor?

Für organische Stimmstörungen bei Kindern liegen keine gesonderten Vorkommens-häufigkeiten vor. Insgesamt liegt die Prävalenzrate bei ca. 6% (wobei in der Literatur Angaben von 0,12-35% vorkommen). Knötchen (Phonationsverdickungen) sind mit ca. 40-50% aller Stimmstörungen bei Kindern die häufigsten organischen Veränderungen. Stimmlippenpolypen und –zysten machen 10-30% der Stimmstörungen bei Kindern aus. Häufig entstehen organische Stimmstörungen aufgrund von Entzündungen (z.B. Kehlkopf, Rachen-, Mandelentzündungen), die aber mit Abheilung der Entzündung wieder verschwinden. Wird allerdings keine Stimmruhe eingehalten und die Stimme bei einer Entzündung noch forciert eingesetzt, dann können hieraus chronische funktionelle Stimmstörungen entstehen.

Wie werden kindliche Stimmstörungen festgestellt?

Die Heiserkeit ist das auffälligste Anzeichen einer Stimmstörung. Da den Eltern selbst die Heiserkeit oft nicht auffällt (23%) sollten der Kinderarzt und das pädagogische Fachpersonal (z.B. Erzieher, Lehrer, Betreuer von Freizeitangeboten) hier aufmerksam sein.

Die Schwere der Heiserkeit lässt keine Aussagen über die Schwere der Störung zu, dies bedarf einer ärztlichen Begutachtung des Kehlkopfs.

Der Arzt entscheidet, ob bei organischen Ursachen Operationen oder medikamentöse Behandlungen vorgenommen werden müssen und eventuell begleitend eine logopädische Stimmtherapie stattfinden soll. Liegt der organischen Stimmstörung eine funktionelle zugrunde, so kann der Arzt eine logopädische Verordnung ausstellen.

Die Logopädin führt ein Anamnesegespräch mit den Eltern und je nach Alter auch mit dem Kind und erstellt einen logopädischen Stimmbefund des Kindes. Auf dieser Grundlage werden, in Absprache mit den Eltern, (und ggf. dem Kind) Therapieziele vereinbart.

Wie werden kindliche Stimmstörungen behandelt?

Die meisten Kinder, die zur logopädischen Stimmbehandlung kommen, haben sekundär organische Veränderungen (Knötchen oder Polypen). Zwar verschwinden in ca.70-80% der Fälle vor allem bei Jungen, die Knötchen nach der Pubertät, aber die Ursachen (wie z.B. ungünstiger Stimmgebrauch) werden beibehalten. Dies führt dazu, dass bei Stimmbelastung zu einem späteren Zeitpunkt (z.B. in der Schule oder im Berufsleben) wieder Stimmerkrankungen auftreten können. Deshalb ist in jedem Fall eine logopädische Therapie sinnvoll.

Die Behandlung beinhaltet neben Übungen zur Verbesserung der Haltung, Atmung, Wahrnehmung und Motorik spezielle Stimmübungen zur Verbesserung des Stimmklanges und der Stimmleistung. Auch Elternberatung und Kommunikationstraining mit dem Kind gehören zur logopädischen Therapie. Ggf. werden zusätzliche Beratungen oder therapeutische Maßnahmen empfohlen.

Was können Eltern bei Verdacht auf eine Stimmstörung ihres Kindes tun?

Heiserkeit, die länger als 2-3 Wochen besteht, muss unbedingt ärztlich abgeklärt werden. Eltern sollten dann mit ihrem Kind einen HNO-Arzt oder Phoniater (Stimmheilarzt) aufsuchen.

Weiterführende Informationen

Definition

"Dysplastische Dysphonien beruhen auf genetisch bedingten oder erworbenen Abweichungen von der anatomischen Struktur des Kehlkopfes. Diese Abweichungen können als Normvarianten, aber auch als ganz erhebliche Veränderungen der Larynx-Morphologie ohne und mit Beteiligung extralaryngealer Bezirke auftreten."
(Böhme 2003: 203)

Behandlungsleitlinie

Die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) hat eine AWMF Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Stimmstörungen unterschiedlichster Genese erarbeitet, die bis zum 31.06.2016 Geltung hat. Die Kommission Qualitätsmanagement (BKQM) eine zusammenfassende Darstellung zur Leitlinie erarbeitet.

Verordnung nach Heilmittelkatalog

Diagnosegruppe ST1
Die Verordnung von Stimmtherapie ist gesetzlich geregelt. Hinweise dazu finden Sie auf der Seite "Logopädie wird verordnet".

Literaturhinweise

Beushausen, U., Haug, C. (2011)C. Kindliche Stimmstörungen. München: Reinhard

Böhme, G. (2003). Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Band 1: Klinik. 4. Auflage, München: Urban & Fischer

Garcia Martins, R.H, u.a. (2012). Dysphonia In Children. Journal of Voice, Vol.26, No 5 674.e17-674.e20

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Links

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Fachartikel in chronologischer Reihenfolge (absteigend sortiert):

  • Beushausen, Ulla
    Methodenorientierung in der Stimmtherapie (2012/5)
  • Nollmeyer, Olaf
    Der Klang in der Stimmarbeit. Die Erfahurng des Klanges eröffnet neue Wege in der Stimmpraxis (2011/4)
  • Kramer, Jens
    Computergestützte Stimmanalyse (2009/6)
  • Minnema, Wilfried; Stoll, Hans-Christian
    Objektive computergestützte Stimmanalyse mit "Praat" (2008/4)
  • Friedrich, Gerhard
    Basisprotokoll für die Stimmdiagnostik - Richtlinien der European Laryngological Society (ELS) (2006/4)
  • Nawka, Tadeus; Franke, Ingolf; Galkin, Elena
    Objektive Messverfahren in der Stimmdiagnostik (2006/4)
  • Brockmann, Meike
    Vor- und Nachteile der stroboskopischen Kehlkopfuntersuchung im Hinblick auf die Planung der logopädischen Therapie (2006/1)
  • Ribeiro, Angelina
    Funktionelle Stimmstörungen im Kindesalter - eine psychologische Vergleichsstudie (2006/1)
  • Schürmann, Uwe
    Facetten des Ausdrucks: AAP als pragmatischer Ansatz für Therapie und Prävention (2005/5)
  • Bartl-van Eys, Karin
    Stimmprävention "vor Ort": LogopädieschülerInnen gehen in Schulen und Kindergärten (2005/5)
  • Rathey-Pötzke, Beatrice
    Lee Silverman Voice Treatment (LSVT) bei Patienten mit Parkinson und Myotonica dystrophica (2005/3)
  • Menzel, Maren; Beushausen, Ulla
    Prävention von Stimmstörungen bei Berufssprechern: Entwicklung eines situationsspezifischen Gruppentrainings (2004/4)
  • Schädel, Andrea; Krischke, Silvia; Rosanowski, Frank
    Lebensqualität bei Patienten mit Stimmstörungen (2004/4)
  • Feuerstein, Ua
    Die "Stimmig-sein-Methode": Funktional-psychointegrale Selbstregulation von Gesang und Sprechstimme (2004/4)
  • Pahn, Johannes
    Stimm- und Sprachstörungen durch Reflux von Magensäure (2004/4)
  • Widhalm, Barbara
    Logopädische Stimmtherapie in der Gruppe: Aspekte einer Studie (2003/5)
  • Kröger, Frauke
    Der Voice Handicap Index - ein Assessmentinstrument für die Stimmtherapie (2003/1)
  • Saatweber, Margarete
    Das Konzept Schlaffhorst-Andersen (2003/1)
  • Oetken-Ishorst, Elke
    Prävention von Stimmstörungen bei Kindern (2002/4)
  • Münch, Gabriele
    Manuelle Stimm-Therapie (MST): Eine Therapie, die "berührt" (2001/5)
  • Spital, Helga
    Sprechen-Singen-Gesang: Logopädische Therapie am Übergang (2000/5)
  • Nienkerke-Springer, Anke
    Beratungs- und Therapiekonzept für Familien stimmauffälliger Kinder auf systemtheoretischer Grundlage (2000/4)
  • Grunau, Horst
    Dialog und Ausdruck - Leitlinien logopädischer Übungskommunikation (2000/3)
  • Heptner, Michael
    Die zu hohe Sprechstimmlage: Therapieansätze aus funktionaler Sicht (2000/2)