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Organisch verursachte Schluckstörungen (Dysphagien)

Kindliche Schluckstörungen (Dysphagien) können vom Säuglingsalter an in jeder Altersstufe auftreten. Bei Schluckstörungen ist zumeist sowohl die Beweglichkeit der Mundmotorik als auch die Wahrnehmung (Sensibilität) im Gesicht, des Mundinnenraums und des Rachens betroffen. Durch die Beeinträchtigung der Bewegungen und der Sensibilität ist die Abstimmung (Koordination) zwischen den für das Schlucken wichtigen Muskeln gestört.
Bei einem Säugling zeigt sich dies beim Trinken aus der Flasche oder an der Brust darin, dass sie häufig husten, sich verschlucken oder auch ihre Atmung unterbrechen, evtl. bis zum Atemstillstand. Auch kann das Saugen zu schwach sein, um selbständig ausreichend Milch trinken zu können. Insbesondere Frühgeborene zeigen diese Schwierigkeiten häufig bei ihren ersten Trinkversuchen.
Bei Kleinkindern zeigen sich kindliche Schluckstörungen darin, dass die Aufnahme, Verarbeitung und der Transport von Breikost oder fester Nahrung sowie von Flüssigkeit und Speichel beeinträchtigt sind. So kann z. B. feste Kost nicht angemessen gekaut und eingespeichelt werden, um sie dann sicher abschlucken zu können. Vor oder während des Schluckens besteht die Gefahr, dass flüssige oder feste Nahrung in die Luftröhre (Aspiration) kommen kann.

Welche organischen Ursachen liegen bei kindlichen Schluckstörungen vor?

Den kindlichen Schluckstörungen liegt zumeist eine neurologische Erkrankung als Ursache zugrunde, die mit einer veränderten Hirnfunktion bzw. -entwicklung einhergeht. Diese kann angeboren sein wie bei infantilen Cerebralparesen oder aber erworben z. B. nach Unfällen mit Schädel-Hirn-Traumata oder Entzündungen. Auch Kinder mit Syndromerkrankungen können Schluckstörungen haben, wenn die Gesichts- und Mundstrukturen so verändert sind, dass das Schlucken beeinträchtigt wird.

Wie häufig kommen organisch verursachte kindliche Schluckstörungen vor?

Es gibt keine verlässliche Angabe, wie häufig eine kindliche Schluckstörung auftritt. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind ca. 15 - 20 % aller Kinder in Deutschland von einer leichten bis mittelgradigen Fütterstörung und ca. 3 - 7 % der Kinder von einer schweren Fütterstörung betroffen. Bei dieser Angabe wird jedoch nicht zwischen funktionellen und organisch bedingten kindlichen Dysphagien unterschieden.

Wie werden kindliche Schluckstörungen festgestellt?

Eltern bemerken oft frühzeitig, dass ihre Kinder Schwierigkeiten mit der Nahrungs-aufnahme haben. Das Essen und/oder Trinken ist erschwert und anstrengend. Es kommt zu Problemen die Nahrung aufzunehmen, zu transportieren und zu schlucken, gekennzeichnet z.B. durch Würgen oder Husten. Einige Kinder äußern Schmerzen beim Schlucken oder haben das Gefühl, dass das Essen im Hals stecken bleibt. Während des Essens können die Stimme und/oder die Atmung feucht (gurgelig) klingen, als ob Nahrungsreste noch in der Speiseröhre sind. Die Mahlzeiten können für Eltern und Kinder belastend sein. Einige Kinder sind schnell erschöpft und atmen sogar angestrengter. Als Folge verweigern viele Kinder die Nahrung oder einen Teil der Nahrung wie Flüssigkeiten. Auf lange Sicht können Gewichtsstagnation und -abnahme folgen, ggf. sogar eine Wachstumsstörung.
Besonders gefährlich ist es, wenn es beim Essen und Trinken zu Aspirationen (Nahrung in der Luftröhre) kommt. Dies kann beim Würgen, Husten und Verschlucken auftreten, wenn das Kind nicht alle Nahrungsreste nach dem Husten sicher herunter schlucken kann. Sie können aber auch „still“ erfolgen, ohne dass das Kind hustet. Ein Hinweis auf regelmäßige Aspirationen kann Fieber sein, im schlimmsten Fall haben Aspirationen eine Lungenentzündung zur Folge.
Besteht der Verdacht auf eine kindliche Schluckstörung sollte zunächst eine klinische Diagnostik durch eine Logopädin in der logopädischen Praxis erfolgen. Dort kann entschieden werden, ob eine weiterführende ärztliche Diagnostik in Form einer Videofluoroskopie oder einer Videoendoskopie notwendig ist. Die Videofluoroskopie ist eine Röntgenuntersuchung, bei der der Radiologe mit einem Durchleuchtungsgerät den gesamten Schluckvorgang durch die Darstellung von geschlucktem Kontrastmittels beurteilen kann. Bei der Videoendoskopie wird ein dünnes Endoskop über die Nase des Kindes eingeführt, so dass die Rachen- und der Kehlkopfstrukturen beurteilt werden können sowie der Transport von Nahrung und Speichel. Welches der beiden Verfahren angewendet werden sollte, ist individuell von der Situation des Kindes und der konkreten Fragestellung abhängig.

Wie werden kindliche Schluckstörungen behandelt?

In der Therapie kindlicher Schluckstörungen können kausale Verfahren, kompensatorische Techniken sowie Hilfsmittelanpassungen zum Einsatz kommen.

Zunächst wird grundsätzlich an einer möglichst optimalen Positionierung des Kindes während des Essens gearbeitet. Dies reicht von einer adäquate Stillposition bis hin zur Anpassung der Sitzposition im Rollstuhl.

Es gibt verschiedene Therapieansätze zur Behandlung der ganzkörperlichen und orofazialen Strukturen, z.B. die orofaziale Regulationstherapie nach R. Castillo Morales ® oder Mund- Trink- und Esstherapie nach Morris und Klein. Des Weiteren erfolgt auf der Grundlage der Diagnostik die Anpassung der Nahrung des Kindes, um eine sichere orale Ernährung zu ermöglichten. Die richtige Wahl von passenden Hilfsmitteln, wie z. B. die Wahl eines adäquaten Trinkgefäßes oder Bestecks kann die orale Ernährung ebenfalls positiv beeinflussen.

Die Therapie kindlicher Schluckstörungen kann in der logopädischen Praxis, in der (Reha)-Klinik, in der betreuenden Einrichtung oder im häuslichen Umfeld erfolgen. Dabei ist die enge Einbeziehung der Eltern oder versorgenden Personen  unerlässlich.

Wo finden Eltern von Kindern mit einer organisch verursachen Schluckstörung Rat und Hilfe?

Eltern, deren Kinder Probleme in der oralen Nahrungsaufnahme zeigen, sollten sich frühzeitig  an ihren Kinderarzt wenden. Dieser stellt eine Überweisung für eine klinische Diagnostik in einer logopädischen Praxis aus. Nach einer klinischen Diagnostik durch eine entsprechend qualifizierte Logopädin kann gemeinsam mit dem Kinderarzt - falls notwendig - eine instrumentelle Diagnostik in der Radiologie, Phoniatrie oder HNO geplant und organisiert werden. 

Weiterführende Informationen

Definition

"Unter einer Dysphagie versteht man eine Störung der Aufnahme, der Zerkleinerung oder des Transports von Nahrung/Flüssigkeiten in der oralen, pharyngealen oder ösophagealen Phase , einschließlich des Transports von Speichel und Sekret."
(Böhme 2003: 404)

Behandlungsleitlinie

Die Behandlungsleitlinie "Qualitätskriterien und Standards für die Diagnostik und Therapie von Patienten mit neurologischen Schluckstörungen - Neurogene Dysphagien" wurde von der Deutschen Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie (DGNKN) 2003 vorgelegt.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat 2008 die Leitlinie "Neurogene Dysphagie" für erwachsene Patienten erstellt.
Eine Besprechung der beiden Behandlungsleitlinien hat die Kommission Qualitätsmanagement des dbl erstellt.

Hier finden Sie Zusammenfassungen zur Leitlinie der DGNKN und DGN.

Eine Leitlinie für den Bereich Kinder liegt derzeit nicht vor.

Versorgung im Rahmen der Frühförderung nach SGB IX, § 30 oder als Rehabilitationsmaßnahme nach SGB IX, § 26.

Verordnung nach Heilmittelkatalog

Diagnosegruppe SC1
Die Verordnung von Sprechtherapie ist gesetzlich geregelt. Weiterführende Hinweise dazu finden Sie auf der Seite "Logopädie wird verordnet".

Literaturhinweise

Biber, D. (2012). Frühkindliche Dysphagien und Trinkschwächen. Leitfaden für Diagnostik, Management und Therapie im klinischen Alltag. Wien: Springer

Böhme, G. (2003). Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Band 1: Klinik. 4. Auflage, München: Urban & Fischer

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2012). Essstörungen. www.bzga-essstoerungen.de/index.php ) [27.09.2012]

Klein, M. D. & Morris, S. E. (2001). Mund- und Esstherapie bei Kindern. Entwicklung, Störungen und Behandlung orofazialer Fähigkeiten. München: Urban & Fischer

dbl-Materialien 

Fortbildungsangebote

Links

Arbeitskreis "Kindersprache"

Suchen Sie den fachlichen Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, dann setzen Sie sich mit dem Arbeitskreis in Verbindung.

Diskussionsforum "Schluckstörungen" 


Die Mitglieder des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie nutzen das Diskussionsforum um  Fragen aus der Praxis zu diskutieren und sich Unterstützung durch Kollegen/innen zu holen. Haben Sie Interesse hier mitzumachen, werden Sie Mitglied beim dbl.

"Forum Logopädie" Fachartikel

Alle Fachartikel aus der Zeitschrift "Forum Logopädie", die seit 2000 erschienen sind, stehen für eingeloggte Mitglieder auch unter "Zeitschrift 'FL'/Online Archiv" als PDF-Dateien zum Download bereit.

Fachartikel in chronologischer Reihenfolge (absteigend sortiert):

  • Tzschöckel, Katharina; Nusser-Müller-Busch, Ricki; Seidl, Rainer O.
    Die Therapeutenvariable bei komplexen Rehabilitationsverfahren. Eine Fragebogenstudie am beispiel der Therapie des Facio-Oralen Traktes (F.O.T.T.) (2011/4)
  • Maier, Helene
    Mundgefühl und Myofunktion (2011/3)
  • Heidler, Maria-Dorothea
    Dekanülierungsmanagement in der Frührehabilitation (2011/3)
  • Newesely, Georg; Weinert, Melanie; Motzko, Manuela; Holzer, Alois
    Zur Risikovermeidung im Dysphagiemanagement (2011/3)
  • Nusser-Müller-Busch, Ricki; Horst, Renate
    Manuelle Schlucktherapie - reset the brain (2011/3)
  • Hiller, Mirko
    Strukturierte Angehörigenberatung in der funktionellen Dysphagiethrapie (2008/6)
  • Hiller, Mirko
    Evidenzbasierte Therapie bei Schluckstörungen (2008/5)
  • Bombor, Gesine
    Schluck für Schluck: Vergleich von drei Einzelfalldokumentationen zum Dysphagiemanagement in der Region Rostock (2008/5)
  • Hiller, Mirko
    Strukturierte Diagnostik und evidenzbasiertes Vorgehen bei Schluckstörungen (2008/4)
  • Winklmaier, Ursula
    Experimentelle Untersuchung zum Dichtheitsverhalten geblockter Trachealkanülen (2007/2)
  • Berger, Renate; Heide-Schröter, Annegret
    Einführung von Schluckkoststufen zur Optimierung der Ernährung von Dysphagiepatienten (2007/1)
  • Krueger, Sandra
    Möglichkeiten der stationären logopädischen Intervention bei Frühgeborenen (2005/5)
  • Nusser-Müller-Busch, Ricki; Seidl, Rainer, O.
    Therapie- und Trachealkanülenmanagement bei neurogenen Dysphagien (Phase A und B): eine Fallbeschreibung (2004/6)
  • Nusser-Müller-Busch, Ricki; Seidl, Rainer O.
    Die Berliner Schlucksprechstunde (2003/6)
  • Wilken, Markus
    Sondenentwöhnung in der frühen Kindheit (2003/4)
  • Stanschus, Sönke; Seidel, Simone
    Rehabilitation pharyngealer Schluckstörungen unter Verwendung von Oberflächen-EMG: Fünf Fallstudien (2002/5)
  • Kunde-Trommer, Jutta; Mangelsdorf, Simone; Rösch, Birgit
    Interdisziplinärer Therapieansatz für frühkindliche Essstörungen (2001/4)
  • Stanschus, Sönke
    Videofluoroskopie und diätetische Maßnahmen bei Dysphagie (2000/3)