Behinderte Kinder

Je nach Behinderung ist das Risiko für eine Sprachentwicklungsstörung (SES), für Störungen der Mundmotorik (orofaziale Störungen) und Probleme beim Essen und Trinken (Organisch verursachte Störungen des Schluckens erhöht. Des Weiteren können sich diese Sprach- und Sprechprobleme nachteilig auf das Kommunikationsverhalten des Betroffenen auswirken, d.h. seine Fähigkeit mit anderen in Kontakt zu treten.

Folgende Ursachen können einer Behinderung zugrunde liegen:

  • Autismus-Spektrum-Störungen
  • Hörbehinderung: Zentrale Hörstörungen, Schallempfindungs- und Schalleitungsstörungen
  • Infantile Cerebralparese
  • Sehbehinderung und Blindheit
  • Neurologische Erkrankungen: z. B. Landau-Kleffner-Syndrom, Epilepsien
  • Syndrome durch Genveränderungen: Down-Syndrom (1:800), Fragiles X-Syndrom (Mädchen: 1:8.000, Jungen: 1:4.000), Angelman-Syndrom (1:12.000), Rett-Syndrom (1:12.000), Prader-Willi-Syndrom (1:15.000), Williams-Beuren-Syndrom (1:20.000), Cornelia-de-Lange-Syndrom (1:10.000), Cri-du-Chat-Syndrom (1:50.000), 22q11-Deletion (Velocardiofaciales Syndrom) (1:4.000), Turner-Syndrom (nur Mädchen: 1:3.000), Klinefelter-Syndrom (nur Jungen: 1:7.000), Sotos-Syndrom, Apert-Syndrom (1:65.000), Lesch-Nyhan-Syndrom (1:380.000)
  • Geistige Behinderung: Liegt der Intelligenzquotient unter 70, ist eine Behinderung infolge einer Intelligenzminderung gegeben. Die Häufigkeit dieser Behinderungsform ist abhängig vom Grad der mentalen Retardierung und liegt bei 0,6 – 0,8 %. Ursache ist meist eine genetische Abweichung.

Wie wirkt sich eine Behinderung auf die Sprachentwicklung und Kommunikationsfähigkeit eines Kindes aus?

<style type="text/css"> </style>Grundsätzlich ist allen Kindern gemein, dass Kommunikation und Sprache essentiell für ihre Entwicklung und Bildung, ihre Eigenständigkeit und ihr Leben in der Gemeinschaft sind. Sprache dient vor allem der Kommunikation mit anderen Menschen. Die Gruppe der Kinder mit einer Behinderung ist sehr unterschiedlich, weil die Ursachen der Behinderung so verschieden sind. Daher ist der Verlauf der Kommunikations- und Sprachentwicklung behinderter Kinder unterschiedlich.

Die Behinderung kann sich in zweierlei Art nachteilig auf die Sprach- und Kommunikationsentwicklung auswirken. Zum einen kann im Vergleich zu nicht-behinderten Kindern ein verändertes Lern-, Kommunikations- und Sprachvermögen bestehen und zum anderen treten in der frühen Eltern-Kind-Kommunikation häufig Interaktionsprobleme auf. Diese beiden Risiken stehen in einer Wechselwirkung zueinander, d. h. die Kommunikation zwischen Eltern und Kind wird durch ein verändertes Kommunikationsverhalten des Kindes aus dem Gleichgewicht gebracht. Wenn ein Kind bedingt durch eine Behinderung einen eingeschränkten bzw. keinen Zugang zu Kommunikation und Sprache hat, ist seine gesellschaftliche Teilhabe erschwert, und seine Lebensqualität und Selbständigkeit sind eingeschränkt.

Aljosha: ein Kind mit einer schweren Kommunikationsstörung

Aljosha wird im Alter von 8 Monaten von seinem Stiefvater misshandelt und erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma mit der Folge einer tiefen geistigen Behinderung. Auf die Logopädin trifft er im Alter von 4 1/2 Jahren im Rahmen der Frühförderung in seiner Integrationskita. Da er nicht schlucken kann, wird er immer noch über eine Magensonde ernährt. Sein Speichel muss regelmäßig abgesaugt werden, um ein Verschlucken zu vermeiden. Aljosha kann nicht laufen oder selbstständig sitzen. Was er versteht, ist fraglich, seine Kommunikationssignale sind sehr "dünn" und es erfordert sehr viel Geduld und Zeit, um mit ihm in Kontakt zu kommen.

Die Aufgabe der Logopädin besteht hier insbesondere darin, die Erzieherinnen und die Mutter zu beraten. Zusammen mit der Pflegekraft, die regelmäßig in die Kita kommt, begleitet sie beispielsweise deren Bemühungen, Aljosha wieder zum Essen zu bringen. Auch arbeitet die Logopädin daran, Aljoshas Sensibilität im oralen Bereich zu entwickeln, damit er eine Chance hat, das selbständige Schlucken von Speichel oder sogar von Nahrung wieder zu erlernen.

Bei Kindern wie Aljosha besteht die Gefahr, dass sie allmählich aus kommunikativen Zusammenhängen herausfallen, denn sie können auf die Ansprache anderer nur sehr wenig erwidern. Deshalb versucht die Logopädin in enger Zusammenarbeit mit den Pädagoginnen, mit Aljosha ein System zu entwickeln, mit dem er eindeutiger kommunizieren kann. Ziel ist, dass er beispielsweise zeigen kann, ob er mit einem Vorschlag einverstanden ist oder nicht. Die regelmäßige Beschäftigung mit dem Thema Kommunikation hat auf Aljoshas Rehabilitation einen positiven Einfluss. Das Thema "Miteinander sprechen" wird wachgehalten im Alltag und die Pädagoginnen vergessen nicht, Aljosha in alltägliche Kommunikationssituationen einzubeziehen, auch wenn die Interaktion mit ihm viel Zeit und Geduld erfordert.
Nach seiner Kindergartenzeit zieht Aljosha in ein Heim für Kinder mit Mehrfachbe-hinderung, in dem er auch zur Schule gehen wird.

Wie werden kommunikative Beeinträchtigungen bei Kindern mit einer Behinderung festgestellt?

Jedes Kind mit einer Behinderung zeigt ein eigenes Sprach- und Kommunikations-verhalten. Eine logopädische Diagnostik sollte deshalb prozessorientiert und individuell auf das Kind und seine Familie ausgerichtet sein. Es gibt spezielle Untersuchungsbögen für die kommunikative Entwicklung. Beispielsweise wird in einer Interaktionsanalyse mit Hilfe einer Videoaufzeichnung das Kind in seinem natürlichen Umfeld beobachtet und seine Kommunikation analysiert. Auf diese Weise können sowohl bestehende Barrieren als auch Ressourcen entdeckt werden, die für den Therapieerfolg maßgeblich sind.

Im Zentrum der logopädischen Diagnostik stehen das Kind und seine bereits erworbenen Fähigkeiten, ergänzt durch eine Befunderstellung der kognitiven, motorischen, sensorisch-perzeptiven und sozial-emotionalen Leistungen. Die interdisziplinäre Diagnostik ist die Grundlage für den Entscheidungsprozess zur Ableitung therapeutischer Ziele und Durchführung der Intervention.

Wiederkehrende Untersuchungen sind die Voraussetzungen für einen lebenslangen und flexiblen Lernprozess; die Logopädin begleitet das Kind und seine Familie auf dem Weg mit wechselnden Lebensbedingungen und Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit.

Wie werden Kinder mit einer Behinderung logopädisch behandelt?

Die logopädische Behandlung für ein Kind mit einer Behinderung und die Betreuung seiner Familie lehnt sich eng an das Entwicklungs- und Gesundheitsmodell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an. Im Mittelpunkt steht das Kind mit seiner individuellen Kommunikations- und Sprachfähigkeit und seinen Möglichkeiten zur Teilhabe am Leben in der Familie und im sozialen Umfeld (Krippe, Kindergarten, Schule etc.). Eine Behinderung wirkt sich am stärksten auf die Teilhabe aus, d.h. die Behinderung führt zu Einschränkungen im Alltagsleben des Kindes und seiner Familie.

Ziel der logopädischen Therapie ist es, das Kind in die Lage zu versetzen, seine sprachlichen und kommunikativen Handlungsfähigkeiten im Alltag einzusetzen. Daher werden zunächst die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten des Kindes (bspw. Blickkontakt, zielgerichtete Kommunikation) verbessert, d.h. es wird am "Symptom" gearbeitet.
Des Weiteren ist zu Beginn der Behandlung eine Beratung der Eltern bzgl. ihrer Kommunikation mit dem Kind sehr wichtig, da die Entwicklung von kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten des Kindes sich im dynamischen Dialog zwischen Eltern und Kind vollzieht. Eltern und Kinder sind hier in einem Lernprozess. Der Gebrauch von Sprache erleichtert dem Kind die Teilnahme an Aktivitäten des täglichen Lebens, die Inklusion in die Gemeinschaft gelingt leichter und die Selbständigkeit sowie der Aktionsradius des Kindes nehmen zu. Mögliche Therapiebereiche sind die Therapie der Sprachentwicklungsstörung, Unterstützte Kommunikation, Mund- und Esstherapie, Vorbereitung auf den Schriftspracherwerb sowie spezielle Programme wie bspw. "Kleine Schritte" bei Down-Syndrom.

TIPP: In der Broschüre "Therapieleitfaden Sprache" des Vereins "KiDS-22q11e.V." werden unterschiedliche Methoden zur Behandlung von Kindern mit 22q11 vorgestellt, die auch bei anderen Behinderungsarten eingesetzt werden und für Eltern zur Information empfohlen werden können. Der Leitfaden kann bei der Geschäfststelle des Vereins "KiDS-22q11e.V." bestellt werden.

Wo gibt es für Eltern behinderter Kinder Rat und Hilfe?

Wenn Eltern die Diagnose mitgeteilt bekommen, dass ihr Kind eine Behinderung hat, verändert sich der Blick in die Zukunft hinsichtlich des Zusammenlebens mit dem Kind schlagartig und unumkehrbar. Es bedeutet einen Trauerprozess, der bei jeder Mutter und jedem Vater unterschiedlich in der Verarbeitung und Dauer ist. Der Respekt vor der Individualität der Wege ist der Ausgangspunkt für die Beratung und Begleitung der betroffenen Eltern, die von verschiedenen Berufsgruppen, Einrichtungen und Initiativen angeboten werden, wie Kinderarzt und Neuropädiater, Sozialpädiatrische Zentren oder Frühförderstellen.

Das Kindernetzwerk für kranke und behinderte Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft bietet auf seiner Internetseite betroffenen Eltern eine umfangreiche Datei mit weiterführenden Adressen und verständlichen Informationen zu 2.000 Schlagworten. Egal ob es sich um andere Betroffene, um Eltern- Selbsthilfegruppen oder um Zentren oder gezielte Literatur handelt, das Kindernetzwerk hält mit rund 130.000 vernetzten Daten auf fast jede Anfrage passende weiterführende Informationen bereit.

Weiterführende Informationen

Definition "Behinderung"

"Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist." (SGB IX, § 2, Absatz 1)

Behandlungsleitlinien

Je nach Störungsbild gelten die entsprechenden Leitlinien unter Vorbehalt auch für die Behandlung behinderter Kinder, wie z.B. die interdisziplinäre Leitlinie der AWMF "Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (SES) unter Berücksichtigung umschriebener Sprachentwicklungsstörungen".
Die Kommission Qualitätsmanagement (BKQM) hat eine zusammenfassende Darstellung zur Leitlinie erarbeitet.

Versorgung im Rahmen der Frühförderung nach SGB IX, § 30 oder als Rehabilitationsmaßnahme nach SGB IX, § 26.

Verordnung nach Heilmittelkatalog

Diagnosegruppe je nach Störungsbild: SP1, SP3, SC1 bzw. SC2, ST1
Die Verordnung von Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie ist gesetzlich geregelt, Hinweise dazu finden Sie auf der Seite "Logopädie wird verordnet".

Literaturhinweise

Nonn, K. (2011). Unterstützte Kommunikation in der Logopädie.Stuttgart: Thieme

Sozialgesetzbuch (SGB) Neuntes Buch (IX): Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen. Stand: 12.04.2012.

dbl-Materialien

Fortbildungsangebote

Links

Arbeitskreis "Kindersprache"

Suchen Sie den fachlichen Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, dann setzen Sie sich mit dem Arbeitskreis in Verbindung.

Diskussionsforum "Sprach- und Sprechstörungen"

Die Mitglieder des deutschen Bundesverbandes für Logopädie nutzen das Diskussionsforum, um Fragen aus der Praxis zu diskutieren und sich Unterstützung durch Kollegen/innen zu holen. Haben Sie Interesse hier mitzumachen, einfach Mitglied beim dbl werden.

"Forum Logopädie" Fachartikel

Alle Fachartikel aus der Zeitschrift "Forum Logopädie", die seit 2000 erschienen sind, stehen für eingeloggte Mitglieder auch unter "Zeitschrift 'FL'/Online Archiv" als PDF-Dateien zum Download bereit.

Nicht-Mitglieder können Artikel direkt beim Schulz-Kirchner Verlag bestellen:

Fachartikel in chronologischer Reihenfolge (absteigend sortiert):

  • Lücke, Linda
    Logopädie bei Kindern mit Down-Syndrom (2012/6)
  • Lell, Maria
    Unterstützte Kommunikation: Antrieb oder Bremse für die Sprachentwicklung (2007/4)
  • Deckenbach, Cornelia
    Der logopädische Ansatz der Pikler-Gesellschaft für kleine Kinder mit Down-Syndrom (2006/4)
  • Klinger, Daniela
    Die Situation der Geschwister behinderter Kinder (2002/5)
  • Lange, Herbert
    "Ich hasse es, bloß zuzuhören!" (2002/1)
  • Einert, Kerstin
    Unterstützte Kommunikation in der Prävention und frühen Therapie (2001/6)
  • Schneider, Annerose
    Unterstützte Kommunikation: Eine sinnvolle Ergänzung der logopädischen Arbeit (2001/6)