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Welche Bedeutung haben die Eltern?

Eltern sind die Fachleute bei der Einschätzung der Entwicklung ihrer Kinder, da sie ihre Kinder täglich in den vielfältigsten Spiel- und Bewegungssituationen beobachten. Entsprechend fällt es ihnen in der Regel auch leicht zu entscheiden, ob ihr Kind die eine oder andere Fähigkeit in Spiel-Situationen schon beherrscht. Sie bemerken, wie ihr Kind sich bewegt, z. B. beim Klettern (Grobmotorik), wie es Dinge in die Hand nimmt und mit ihnen umgeht, z. B. einen Löffel zum Essen benutzen (Feinmotorik).

Wie können Eltern die allgemeinen Entwicklung ihres Kindes einschätzen?

Auf der Grundlage der Beschreibungen des Entwicklungsneurologen Richard Michaelis (1999) ist eine Checkliste entstanden, die eine Einschätzung von 4 verschiedenen Entwicklungsbereichen vom 3. Monat bis zum 5. Lebensjahr erlaubt:

  • Körpermotorik: z.B. aufrecht sitzen
  • Handmotorik: z.B. mit der ganzen Hand nach einem Gegenstand greifen
  • Denken: z.B. nach Gegenständen suchen
  • Sozialverhalten: z.B. zwischen bekannten (wie Vater. Mutter) und unbekannten Personen unterscheiden

Bezüglich der sprachlichen Entwicklung ihrer Kinder bemerken Eltern,

  • wenn ein Kind, das vorher relativ verständlich seine ersten Worte gesprochen hat, auf einmal nuschelig oder unverständlich spricht,
  • wenn ein Kind, nachdem es seine ersten Worte tatsächlich schon im Alter von 12 bis 14 Monaten gesprochen hat, keine neuen Wörter mehr verwendet,
  • wenn ein Kind plötzlich nicht mehr "hört", dies kann auch daran liegen, dass es permanent erkältet ist und die Ohren nicht mehr frei sind,
  • wenn ein Kind auf einmal nicht mehr mit anderen Kindern spielen möchte, weil es sich nicht mehr wohl fühlt, weil es nicht verstanden wird,
  • wenn ein Kind immer öfter Wutanfälle bekommt, weil es nicht das bekommt, was es haben möchte.

Solche oder ähnliche Beobachtungen von Eltern können Anzeichen für eine Stagnation in der sprachlichen Entwicklung sein, die sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Unter "Materialien" finden Sie Fragebögen, die in einer Art "Checkliste" in kurzer knapper Form zu folgenden Dingen eine Auskunft erfragen:

  • wie ihr Kind mit anderen Kindern oder Erwachsenen spricht,
  • wie es spielt,
  • was es versteht von dem, was Erwachsene oder andere Kinder sagen und
  • wie es spricht.

Wie können Eltern die sprachliche Entwicklung ihres Kindes einschätzen?

Aber Eltern sind nicht nur in der Lage die allgemeine sondern auch die sprachliche  Entwicklung einzuschätzen, daher kommt ihnen eine besondere Bedeutung bei der Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen und als Sprachförderer ihrer Kinder zu.
Eltern können mit Hilfe von Elternfragebögen zum Sprachentwicklungsstand ihrer Kinder befragt werden. Nachweislich sind sie sehr gut in der Lage, die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes einzuschätzen, daher sind die Ergebnisse solcher Fragebögen eine gute Grundlage für die Risikoeinschätzung, auch bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern .
Eltern, die umfassend über den Sprachentwicklungsstand ihres Kindes informiert wurden und wissen, wie sie den Spracherwerb ihres Kindes im Alltag unterstützen können, erhöhen die Effektivität therapeutischer Intervention oder können u. U. verhindern, dass eine Sprachentwicklungsverzögerung im Alter von 2 Jahren sich zu einer Sprachentwicklungsstörung entwickelt.

Elterntrainings wie „Schritte in den Dialog“ ( Möller et al 2009))  oder das Heidelberger Elterntraining“  (Buschmann 2007) haben zum Ziel, die elterliche Kompetenz zur Sprachförderung ihrer Kinder zu unterschiedlichen Entwicklungszeitpunkten (1.-2. bzw. 2.-3. Lebensjahr) zu stärken. Die Durchführung der Trainings setzen eine fundierte Diagnostik voraus, daher werden sie in der Regel von  Logopädinnen/Sprachtherapeutinnen durchgeführt. Beide Trainingsprogramme sind evaluiert worden, wobei das Heidelberger Elterntraining  bereits einen Wirksamkeitsnachweis erbracht hat. 77% Kinder der Trainingsgruppe hatten im Vergleich zu 43% der Kinder der Kontrollgruppe ihren Sprachentwicklungsrückstand aufgeholt (Buschmann 2007).

Welche Screenings zur Risikoeinschätzung stehen zur Verfügung?

Mit Hilfe von Screenings in Form von Elternfragebögen kann eine möglichst schnelle und zuverlässige Entscheidung darüber getroffen werden, ob eine logopädische (Früh)Therapie notwendig ist oder nicht.
Einen wesentlichen Beitrag zur Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen mit Hilfe von Elternfragebögen haben Grimm und Doil (2006) mit der Entwicklung von ELFRA-1 und ELFRA-2 in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts geleistet. Aus der Kritik an der mangelnden prognostischen Qualität (insbesondere für den ELFRA 1) und der praktischen Anwendbarkeit sind in der Zwischenzeit weitere Elternfragebögen entwickelt worden, die die genannten Nachteile ausgleichen sollen. Dazu gehören folgende Instrumente:

  • ELAN - Eltern Antworten (Bockmann & Kiese-Himmel 2003)
  • FRAKIS - Fragebogen zur frühkindlichen Sprachentwicklung, FRAKIS-K (Kurzform) (Szagun 2005-2009)
  • SBE-2-KT - Sprachbeurteilung durch Eltern. Kurztest für die U7 (Sachse & von Suchodoletz 2008)
  • SBE-3-KT - Sprachbeurteilung durch Eltern. Kurztest für die U7a (Sachse und von Suchodoletz 2009).

In einer Studie von Rosenfeld und Kiese-Himmel (2011) wurden 8 Elternfragebögen in Hinblick auf ihre Konstruktionsmerkmale und psychometrischen Kriterien miteinander verglichen. "Nach den vorliegenden Ergebnissen kann der Einsatz der Screeninginstrumente in folgender Reihung befürwortet werden: SBE-2-KT; SBE-3-KT ..." (Rosenfeld & Kiese-Himmel 2011).

Mit dem Einsatz der Elternfragebögen wird eine Verdachtsdiagnose auf das Vorliegen einer Sprachentwicklungsstörung gestellt. Die Autoren heben hervor, dass erst durch eine fundierte Anamnese, die Einbeziehung von Elterneinschätzungen und die Durchführung standardisierter Testverfahren eine "valide entwicklungspsyschologische Aussage" getroffen werden kann. Dies bedeutet, dass erst auf der Grundlage einer logopädischen Diagnostik eine verlässliche Aussage darüber getroffen werden kann, ob eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt und falls ja, mit welchen Schwerpunkten und in welchem Ausmaß.

Die beiden Kurztests SBE-2-KT (U7) und SBE-3-KT (U7a) stehen dem Anwender zur freien Verfügung (Handbuch, einschließlich der Anlagen und Maske für den Elternfragebogen). In der Zwischenzeit ist der SBE-2-KT in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Damit bietet dieses Screening auch eine Hilfestellung bei der Einschätzung des sprachlichen Entwicklungsstandes von mehrsprachig aufwachsenden Kindern.
Alle Elternfragebögen können während der Vorsorgeuntersuchungen ausgehändigt und von den Eltern ausgefüllt werden. Sie sind für die Früherkennung standardisiert und haben eine relativ hohe prognostische Qualität.
Bei Kindern, die nach dem Ergebnis der Elternfragebögen als Risikokinder einzuschätzen sind, sollte eine objektive Überprüfung der Hörfähigkeit veranlasst werden, um über die Notwendigkeit einer logopädischen Therapie entscheiden zu können.
Neben diesen Screenings zur Sprachentwicklung hat Riley (1989, deutsche Bearbeitung von Sandrieser, 2008) einen kurzen anamnestischen Elternfragebogen für Kinderärzte entwickelt, mit dem sehr schnell entschieden werden kann, ob ein Kind mit Verdacht auf Stottern einer weiterführenden Diagnostik bedarf.
Wichtig ist in jedem Fall eine umfassende Beratung der Eltern, die Informationen zum Sprachentwicklungsstand sowie Hinweise auf sprachförderndes Verhalten beinhalten sollte. Die von Ritterfeld (2000) entwickelten Elternratgeber zur U6 und U7, die ELFRA 1 und ELFRA 2 (Grimm & Doil 2000) beiliegen, beschreiben anschaulich die wesentlichen Sprachförderstratgien; sie stellen allerdings keinen Ersatz für eine sprachliche Intervention oder eine gezielte Anleitung der Eltern in Form von Elterntrainings dar.

Materialien

Elternfragebögen des CPLOL in deutscher Sprache

Elternfragebögen des CPLOL in türkischer Sprache

Elternfragebögen des CPLOL in russischer Sprache

Die Fragebögen können außerdem in Dänisch, Englisch, Estnisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch und Spanisch heruntergeladen werden: