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Störungen des Textverständnisses und der Textproduktion

Menschen mit Aphasie können durchaus verstehen, worum es in einem Text geht, auch wenn sie nicht jedes einzelne Wort oder jeden einzelnen Satz verstehen. Sie nutzen dazu Schlüsselwörter, die es ihnen ermöglichen, den groben Inhalt eines Textes zu erschließen. Bei spezifischen Fragen zum Inhalt werden jedoch Probleme sichtbar.

Texte sind sinnvoll miteinander verknüpfte Sätze. Jeder gelungene Text verfügt über einen inhaltlichen Zusammenhang; den sogenannten "roten Faden", der sich durch einen Text zieht. Zudem entsteht die Einheit des Textes durch stilistische Mittel, also Wörter, die auf den Inhalt zurückverweisen und Inhalte miteinander verbinden. Das Verstehen und das Produzieren von Texten erfordert also mehr als nur das Verstehen und Aneinanderreihen einzelner Sätze. Zusätzlich muss  beim Verstehen von Texten auch das Arbeitsgedächtnis aktiv sein, denn Informationen aus dem Text müssen behalten werden, um später Schlussfolgerungen ziehen zu können. Umgekehrt gilt dies auch für die Textproduktion.

Wie werden Störungen des Textverständnisses und der Textproduktion bei aphasischen Patienten festgestellt?

Um das Textverständnis eines Betroffenen zu überprüfen, können ihm Texte vorgelegt werden, die er leise lesen soll. Danach lässt sich das Verstehen des Textes z. B. mit Multiple-Choice-Fragen überprüfen. Mündliche und schriftliche Textproduktion lässt sich z. B. überprüfen, in dem man den Betroffenen bittet, zu einem vorgegeben oder frei gewählten Thema zu erzählen oder einen Text zu schreiben.

Wie werden Störungen des Textverständnisses und der Textproduktion bei aphasischen Patienten behandelt?

Bei Betroffenen mit leichteren Defiziten können Übungen zum Verstehen mit schriftlich oder auditiv dargebotenen Texten durchgeführt werden. Je nach Ausmaß der Beeinträchtigung wird der Schweregrad der Texte ausgewählt. Kurze Texte mit einfachen formalen Strukturen und konkretem Handlungsstrang eignen sich für den Einstieg in die Textarbeit. Auch das Vervollständigen von Lückentexten eignet sich als Übung. Später kann mit komplexeren Inhalten und anspruchsvolleren formalen Mitteln gearbeitet werden. Auch das Erzählen und Schreiben von Texten kann in der Therapie geübt werden. Für die meisten Betroffenen ist das Schreiben von Texten schwerer als das Verstehen.

Wie können Angehörige Betroffene in der Alltagskommunikation unterstützen?

Bei Menschen mit Aphasie können alle Bereiche der Kommunikation - Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben - beeinträchtigt sein. Die Betroffenen haben aber nach wie vor Gedanken, Wünsche, Erfahrungen und Wissen, das sie äußern und in die Kommunikation mit anderen Menschen einbringen möchten. Die Gesprächspartner können Menschen mit Aphasie bei dieser Absicht unterstützen.
Seien Sie offen im Gespräch für nichtsprachliche Mittel zur Übermittlung von Informationen. Auch mit Gesten oder Zeichnungen, durch das Zeigen von Bildern oder durch das Aufschreiben einzelner Wörter können Betroffene Informationen vermitteln. Dabei ist es immer wichtiger, dass der gewünschte Inhalt vermittelt werden kann, als dass die Form des Gesagten richtig ist. Versuchen Sie eine ruhige Atmosphäre für Gespräche zu schaffen. Menschen mit Aphasie brauchen Zeit beim Sprechen; Zeitdruck wirkt sich oft negativ aus. Auch Umgebungsgeräusche können störend sein, so ist es zum Beispiel gut, das Radio bei einer Unterhaltung auszuschalten. Gespräche mit mehreren Personen sind für viele Betroffene schwieriger als Gespräche mit nur einer Person. Haben Sie ihren aphasischen Gesprächspartner nicht verstanden, fragen Sie nach bzw. versichern Sie sich, dass Sie richtig verstanden haben. Hilfreich können dann Entscheidungsfragen sein, die der Betroffene mit Ja oder Nein beantworten kann.

  • Versuchen Sie selbst im Gespräch in kurzen und einfachen Sätzen zu sprechen und schwierige Wörter (z.B. Fremdwörter) zu vermeiden, damit ihr aphasischer Gesprächspartner Sie besser verstehen kann.
  • Verwenden auch Sie Gesten, Mimik und Schriftsprache (z.B. Aufschreiben von Schlüsselwörtern), um das Verstehen über andere Kanäle zu sichern. Verfallen Sie dabei aber nicht in "Babysprache".
  • Im Gespräch mit mehreren Personen können Angehörige den Betroffenen unterstützen und für ihn sprechen bzw. seine Worte ergänzen, jedoch nur, wenn dies vom Betroffenen gewünscht wird.
  • Seien Sie nicht vorschnell und übernehmen Sie nicht vollständig die Kommunikation für den Betroffenen. Fordern Sie den Betroffenen nicht auf falsch gesprochene Wörter korrekt zu wiederholen.

Wohin können sich Betroffene und Angehörige wenden?

Ansprechpartner sind der behandelnde Arzt/Neurologe und die Logopädin bzw. Sprachtherapeutin. Sie bieten je nach Spezialisierung kompetente Hilfe und Unterstützung bei Fragen. In einer Aphasie-Selbsthilfegruppe finden Betroffene und Angehörige weiteren Rat und Unterstützung. Beim Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker (www.aphasiker.de) gibt es neben den Adressen der Selbsthilfegruppen umfangreiches Informationsmaterial.

Weiterführende Informationen

Definition

"Aphasien sind zentrale Sprachstörungen, die linguistisch als Beeinträchtigung in verschiedenen Komponenten des Sprachsystems (Phonologie, Lexikon, Syntax und Semantik) zu beschreiben sind. Die aphasischen Störungen erstrecken sich auf alle expressiven und rezeptiven sprachlichen Modalitäten, auf Sprechen und Verstehen, Lesen und Schreiben, wobei im Prinzip diesselben sprachsystematischen Merkmale der Störungen nachweisbar sind. Aphasische Störungen können also stets multi- und/oder supramodal auftreten." (Huber & Poeck & Weniger 2006)

Behandlungsleitlinien

Es liegen zwei Leitlinien vor:

Für beide Leitlinien hat die Bundeskommission Qualitätsmanagement Besprechungen vorgelegt:

  • Leitlinie (DGN)
  • Leitlinien (GAB, DGNKN)

Beide Leitlinien sind von der Bundeskommission Qualitätsmanagement unter spezifischen Qualitätskriterien besprochen.

Verordnung nach Heilmittelkatalog

Diagnosegruppe SP5
Die Verordnung von Aphasietherapie folgt gesetzlichen Regelungen, Hinweise dazu finden Sie auf der Seite "Logopädie wird verordnet".

Leistungen zur medizinischen Rehabilitation

Bei Aphasien können auch Leistungen nach § 26 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX) in Anspruch  genommen  werden. Hinweise zur neurologischen Rehabilitation finden Sie hier.

Literaturhinweise

Huber, W., Poeck, K, Springer, L. (2006). Klinik und Rehabilitation der Aphasie. Eine Einführung auch für Angehörige und Betroffene. Stuttgart: Thieme

Huber, W., Poeck, K., Weniger, D. (2006). 4 Klinisch-neuropsychologische Syndrome, Aphasie. In: Hartje, W., Poeck, K. Klinische Neuropsychologie. Stuttgart: Thieme

Ziegler, W. (2012). Qualitätskriterien und Standards für die Therapie von Patienten mit erworbenen Störungen der Sprache (Aphasie) und des Sprechens (Dysarthrie) der Gesellschaft für Aphasieforschung und -behandlung (GAB) und der Deutschen Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neuropsychologie (DGNKN) ,  5. Auflage, Stuttgart: Thieme

dbl-Materialien

Fortbildungsangebote

Arbeitskreis "Aphasie"

Suchen Sie den fachlichen Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, dann setzen Sie sich mit dem Arbeitskreis in Verbindung.

Diskussionsforum "Sprach- und Sprechstörungen"

Die Mitglieder des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie nutzen das Diskussionforum um Fragen aus der Praxis zu diskutieren und sich Unterstützung durch Kollegen/innen zu holen. Haben Sie Interesse hier mitzumachen, werden Sie Mitglied beim dbl.

"Forum Logopädie" Fachartikel

Alle Fachartikel aus der Zeitschrift "Forum Logopädie", die seit 2000 erschienen sind, stehen für eingeloggte Mitglieder auch unter "Zeitschrift 'FL'/Online Archiv" als PDF-Dateien zum Download bereit.

Fachartikel in chronologischer Reihenfolge (absteigend sortiert):

  • Wolfgang G. Braun, Jürgen Steiner
    Kooperativ früh Stärken nutzen und Risiken begegnen (2012/5)
  • Schrey-Dern, Dietlinde
    Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre S2k-Leitlinie der AWMF (2012/1)
  • Otten, Meike; Walther, Wenke
    Therapie von prosodischen Leistungen bei kindlicher Sprechapraxie. Eine Fallanalyse (2012/1)
  • Dähn, Sandra; Lehnhoff, Anna; Neumann, Charleen; Rohdenburg, Wiebke; Ringmann, Svenja; Siegmüller, Julia
    Frühe inputorientierte Lexikontherapie bei Kindern im Late-Talker-Stadium (2011/5)
  • Föllner, Sinikka; Schrey-Dern, Dietlinde; Willmes-von Hinckeldey, Klaus
    Evaluation der Erzieherinnenfortbildung "Sprachreich" (2011/4)
  • Wintruff, Yara; Orlando, Achiropita & Gumpert, Maike
    Diagnostische Praxis bei mehrsprachigen Kindern (2011/1)
  • Kreutzmann, Sebnem & Hecking, Mascha
    Frühe Diagnostik bei mehrsprachigen Late Talkern (2011/1)
  • Buschmann, Anke & Jooss, Bettina
    Frühdiagnostik bei Sprachverständnisstörungen (2011/1)
  • Gumpert, Maike; Korntheuer, Petra & Vogt, Susanne
    Der Anamneseleitfaden zum Sprach- und Sprecherwerb (2010/5)
  • Nierhaus, Imke
    Alles im Blick?! (2010/5)
  • Albers, Timm
    Sprachdiagnostik im Kindergarten (2010/5)
  • Schrey-Dern, Dieltinde & Trost-Brinkhues, Gabriele
    Früherkennung von SES zum Zeitpunkt der U7 (2010/3)
  • Kreutzmann, Sebnem
    Biographieorientierte Sprachtherapie (2010/3)
  • Hecking, Mascha & Schlesiger, Claudia
    Late Bloomer oder Sprachentwicklungsstörung? (2010/1)
  • Siegmüller, Julia; Schröders, Catherine; Sandhop, Ulrike; Otto, Monika & Herzog-Meinecke, Carmen
    Wie effektiv ist die Inputspezifizierung? (2010/1)
  • Hautvast, Sarah; Arthold, Jana & Günther, Thomas
    Transfer in den Alltag braucht Zeit (2010/1)
  • Waibel, Christiane
    Der Erwerb von wortinitialen Konsonantenclustern im Schweizerdeutschen (2009/5)
  • Kölliker Funk, Meja
    ICF bei spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (2009/4)
  • Häusermann, Judith
    Der Deutscherwerb von Vorschulkindern mit Migrationshintergrund (2009/3)
  • Mayer, Susanne
    Die Miteinbeziehung von Eltern in die logopädische Therapie (2009/3)
  • Möller, Delia
    Schritte in den Dialog - Eltern evaluieren ein Programm für Familien mit sprachentwicklungsverzögerten Kindern (2009/1)
  • Otten, Meike; Walther, Wenke
    Prosodie - Bedeutung, Funktionen, Diagnostik (2009/1)
  • Kölliker Funk, Meja
    Schnittstellentherapie bei Spracherwerbsstörungen (2009/1)
  • Skerra, Antje
    Fast Mapping-Leistungen bei Kindern mit einer semantisch-lexikalischen Störung im Rahmen einer SES (2009/1)
  • Herzog-Meinecke; Siegmüller, Julia
    Sprachsystematische Intervention bei Kindern mit komplexen Störungsbildern: Erste Ergebnisse des LST-LTS-Projekts (2008/5)
  • Siegmüller, Julia
    Therapie von kindlichen Wortfindungsstörungen nach dem Patholinguistischen Therapieansatz (2008/5)
  • Bockmann, Ann-Katrin
    ELAN - mit Schwung ins Grundschulalter: Die Vorhersagekraft des frühen Wortschatzes für spätere Sprachleistungen (2008/4)
  • Weigl, Irina
    Theoretisches und methodisches Vorgehen im HOT: Interaktive Interventionsstrategien (2008/3)
  • Rupp, Stephanie; Rausch, Monika; Willmes, Klaus; Huber, Walter
    Modellgeleitete Diagnostik bei lexikalischen Spracherwerbsstörungen (2007/5)
  • Schmitz, Petra; Diem, Alexandra
    Sprachverstehenskontrolle - Ein wichtiger Ansatzpunkt in der Therapie von Sprachverstehensstörungen (2007/5)
  • Schmitz, Petra; Fox, Annette V.
    Sprachverstehenstests im Deutschen unter besonderer Berücksichtigung des TROG-D (2007/4)
  • Fricke, Silke; Stackhouse, Joy; Wells, Bill
    Phonologische Bewusstheitsfähigkeiten deutschsprachiger Vorschulkinder - eine Pilotstudie (2007/3)
  • Szagun, Gisela
    Langsam gleich gestört? Variabilität und Normalität im frühen Spracherwerb (2007/3)
  • Schmitz, Petra; Beushausen, Ulla
    Sprache verstehen - Ein Blick auf Strukturen und Prozesse (2007/3)
  • Kiese-Himmel, Christiane
    Die Bedeutung der taktil-kinästhetischen Sinnesmodalität für die Sprachentwicklung (2007/3)
  • Dohmen, Andrea; Vogt, Susanne
    Late Talker - Frühe Intervention bei Kindern mit (Verdacht auf) Sprachentwicklungsstörung (2006/5)
  • Penner, Zvi; Krügel, Christian; Nonn, Kerstin
    Aufholen oder Zurückbleiben: Neue Perspektiven bei der Frühintervention von Spracherwerbsstörungen (2005/6)
  • Höhle, Barbara
    Der Einstieg in die Grammatik: Spracherwerb während des ersten Lebensjahres (2005/6)
  • Siegmüller, Julia; Bittner, Dagmar
    Langzeitanalyse der frühen lexikalischen Entwicklung eines späteren SES-Kindes - wann gab es welche Warnzeichen? (2005/6)
  • Penner, Zvi
    Forschung für die Praxis: Neue Wege der Intervention bei Kindern mit Spracherwerbsstörungen (2004/6)
  • Dohmen, Andrea; Vogt, Susanne
    Kommunikationsstrategien als Ansatzpunkt zur Förderung semantisch-lexikalischer Fertigkeiten (2004/6)
  • Böhr, Mechthild
    Das Zollinger-Therapiekonzept als Annährung an sprachauffällige Kleinkinder (2004/1)
  • Geissler, Kathrin
    Kritische Anmerkungen zum Würzburger Trainingsprogramm (2003/2)
  • Behrens, Heike
    Das Verb im Spracherwerb (2002/3)
  • Kauschke, Christina
    Entwicklung und Störungen des Verblexikons (2002/2)
  • Siegmüller, Julia
    Patholinguistische Therapiekonzeption bei Störungen des Verblexikons (2002/2)
  • Kolfenbach, Katrin
    Qualitative Diagnostik des Lexikonerwerbs: Hilfestellung für die Therapieplanung (2002/2)
  • Franke, Ulrike
    Erkennen durch Beobachten: Interaktionsdiagnostik in der Logopädie (2002/1)
  • Gierschke, Martina
    Wie Liv sich die Sprache eroberte (2001/2)
  • Hansen, Detlef
    COPROF - Diagnoseinstrument und linguistisches Lernprogramm (2000/2)