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Frühförderung ist unentbehrlich

Frühförderung ist ein System professioneller und institutionalisierter Hilfen für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder vom Kindergarten bis ins Schulalter, die behindert, von Behinderung bedroht oder entwicklungsauffällig sind, sowie für deren Eltern und Familien. Sie ist grundsätzlich interdisziplinär angelegt, d.h. Fachkräfte aus ärztlichen, medizinisch-therapeutischen, pädagogischen, psychologischen und sozialen Arbeitsbereichen arbeiten in der Frühförderung zusammen. Die Frühförderung begleitet und unterstützt Kinder in ihrer Entwicklung von Geburt an, wobei Ausgangspunkt und Zentrum der Förderung die Zusammenarbeit mit den Eltern darstellt.

Was ist der Unterschied zwischen Frühförderung, Sprachförderung und Sprachtherapie?

Aufgrund der begrifflichen Ähnlichkeit wird Frühförderung häufig mit Sprachförderung verwechselt. Grundsätzlich ist das Bildungssystem für Maßnahmen zur Sprachförderung und das Gesundheitssystem für  Maßnahmen im Bereich der Frühförderung und Sprachtherapie zuständig.
Kinder, die Sprachförderung, Frühförderung und Sprachtherapie erhalten, sind in Hinblick auf die Art und den Grad der (sprachlichen) Entwicklungsstörung zu unterscheiden.

  • Kinder, die Frühförderung erhalten, haben aufgrund ihrer Behinderung vielfältige Entwicklungsstörungen, nicht nur eine Sprachstörung.
  • Sprachgestörte Kinder, die keine andere Entwicklungsstörung aufweisen, erhalten in der Regel Sprachtherapie.
  • Kinder, die sprachlich auffällig sind, z. B. aufgrund von Anregungsarmut und/oder infolge einer mehrsprachigen Entwicklung, erhalten in der Regel Sprachförderung in Kindergärten.
Maßnahme Kinder Gesetzliche Regelungen
Sprachförderung Kinder mit umgebungsbedingten Sprachauffälligkeiten Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz), § 35 a
Frühförderung Behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder Sozialgesetzbuch IX (Rehabilitation und Teilhabe), § 30
Sprachtherapie Sprachentwicklungsgestörte Kinder Sozialgesetzbuch V (Gesetzliche Krankenversicherung), § 92

Eine differenzierte Darstellung zur Abgrenzung von Sprachförderung und Sprachtherapie finden hier.

Wer kann Leistungen im Rahmen der Frühförderung in Anspruch nehmen?

Dies sind behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder. In § 2 des Sozialgesetzbuches (SGB) IX „Rehabilitation und Teilhabe“ ist der Begriff Behinderung legal definiert. Hiernach sind Menschen dann behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Frühförderung kann demnach nur dann verordnet werden, wenn:

  1. die körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit des Kindes von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht
  2. und mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate andauert
  3. und das Kind durch die Abweichung an seiner Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.

Diese Voraussetzungen müssen alle drei zusammen vorliegen. Die Schwierigkeit besteht hier darin, dass sowohl Punkt 2 als auch Punkt 3 nicht anhand von objektiven Anhaltspunkten fassbar, greifbar oder vergleichbar gemacht werden können. Im Rahmen der ärztlichen Diagnostik kann und darf der Arzt hierüber entscheiden. Eine Überprüfung der ärztlichen Entscheidung an dieser Stelle ist zunächst nicht vorgesehen und kann allenfalls durch Vergleichsgutachten, die Kassenärztliche Vereinigung (KV)  oder den medizinischen Dienst der Krankenkassen erfolgen.

Wo werden Leistungen zur Frühförderung erbracht?

In zahlreichen Sozialpädiatrischen Zentren und Interdisziplinären Frühförderstellen werden in Deutschland jährlich rund 400.000 Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen, drohenden Entwicklungsstörungen und Behinderungen betreut und behandelt. Neben frühzeitiger umfassender interdisziplinärer Diagnostik erhalten sie in diesen Einrichtungen therapeutische, heilpädagogische und psychologische Hilfen für ihre Entwicklung und Teilhabe am sozialen Leben, verbunden mit kooperativer Beratung, Anleitung und Stützung der Eltern bzw. Bezugspersonen.
In einem interdisziplinären und multiprofessionellen Ansatz arbeiten die in diesen Einrichtungen tätigen Fachgruppen zusammen, um die Voraussetzungen für eine bestmögliche Entwicklung der betroffenen Kinder zu schaffen und um zu einer würdigen Lebensgestaltung der Familien beizutragen.
In der gesundheits- und sozialpolitischen Landschaft sind  Sozialpädiatrische Zentren und Interdisziplinäre Frühförderstellen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene etabliert.

Sozialpädiatrische Zentren sind klinisch ambulante Einrichtungen, deren Zulassung im Sozialgesetzbuch (SGB) V § 119 geregelt ist. Sie stehen unter ärztlicher Leitung, sind notwendigerweise personell differenziert ausgestattet und in einem größeren Einzugsbereich tätig. Die Arbeit in Sozialpädiatrischen Zentren stellt eine Sonderform interdisziplinärer ambulanter Krankenbetreuung dar. Niedergelassene Ärzte überweisen die wegen Krankheiten oder Entwicklungsbeeinträchtigungen zu behandelnden Kinder und Jugendlichen in Sozialpädiatrische Zentren. Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen erfolgt nach entsprechend differenzierter Diagnostik im Kontext des sozialen Umfeldes, einschließlich der Beratung und Anleitung der Bezugspersonen. Die Arbeit wird von den Gesetzlichen Krankenkassen und teilweise auch von Sozialhilfeträgern finanziert. Das Team der Sozialpädiatrischen Zentren (Kinderärzte, Diplom-Psychologen, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten, Heil- und Sozialpädagogen) arbeitet nach dem Prinzip des „Querschnittdenkens“ und der Vernetzung mit allen Fachkräften und Einrichtungen der Früherkennung, Frühförderung, Therapie und Rehabilitation und mit Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens zusammen.
Das Arbeitskonzept umfasst ärztliche Maßnahmen (Diagnostik und Therapie), psychologisch-diagnostische und psychotherapeutische Maßnahmen sowie nichtärztliche, aber ärztlich verordnete und koordinierte, sozialpädiatrisch ausgerichtete heil- und sonderpädagogische Maßnahmen und Therapieverfahren, die  als untrennbare Einheit verstanden werden. Des weiteren sind Krankheitsfrüherkennung und -behandlung einerseits, Krankheitsbewältigung, Rehabilitation und Integration andererseits hier optimal integriert.
Kinder und Jugendliche können von Geburt bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres dort behandelt und rehabilitativ versorgt werden.

Interdisziplinäre Frühförderstellen sind familien- und wohnortnahe Einrichtungen, deren Zulassung im Sozialgesetzbuch IX § 30 geregelt ist. Sie bieten umfassende Hilfen im Rahmen eines interdisziplinären und ganzheitlichen Arbeitskonzepts nach dem Prinzip der Rechtzeitigkeit an. Diese Hilfen richten sich an Familien von Kindern mit Entwicklungsstörungen und -gefährdungen sowie drohenden Entwicklungsbeeinträchtigungen und aus körperlichen Schädigungen resultierenden Behinderungen.
Interdisziplinäre Frühförderstellen arbeiten sowohl mobil als auch ambulant und versorgen Säuglinge, Kleinkinder und Kinder bis zum Schuleintritt.
Hauptaufgaben der Frühförderstellen sind eine interdisziplinär konzipierte Eingangs-, Begleit- und Verlaufsdiagnostik, heilpädagogische und therapeutische Hilfen sowie eine alltagsstützende Zusammenarbeit mit den Familien der von Behinderung bedrohten bzw. behinderten Kinder. Außerdem kooperieren sie im Sinne eines koordinierten Arbeitskonzepts mit anderen Einrichtungen und Fachpersonen, Sozialpädiatrischen Zentren, niedergelassenen Ärzten und Therapeuten, insbesondere aber auch mit Kinderkrippen und Kindergärten und - zur Vorbereitung der Aufnahme der Kinder - mit den Schulen.
Die Arbeit der Interdisziplinären Frühförderstellen beschränkt sich nicht auf Kinder mit eindeutigen medizinischen Diagnosen, sondern bezieht sich auf alle Formen von Entwicklungsgefährdungen, weil eine gesicherte Prognose des Entwicklungsverlaufs in der frühen Kindheit auch bei gering erscheinenden Entwicklungsproblemen nicht möglich ist. Auch soziale Gefährdungen des Kindes sowie Unsicherheiten der Eltern im Umgang mit dem Kind können Anlass genug sein, die Hilfen der Interdisziplinären Frühförderstellen als „offene Anlaufstellen" in Anspruch zu nehmen.
Das Team der Interdisziplinären Frühförderstellen besteht in der Regel aus Fachkräften verschiedener Berufsgruppen, (Heil-)Pädagogen, Diplom-Psychologen, Sozialpädagogen, Kinderärzten sowie Physio- und Ergotherapeuten und Logopäden. Dort, wo im Team nicht alle Berufsgruppen repräsentiert sind, geschieht die Zusammenarbeit mit Externen auf der Grundlage eines gemeinsam abgestimmten und verantworteten Arbeitskonzepts im Sinne der Komplexleistung Frühförderung. In diesem Rahmen erfolgt auch die Koordinierung der Tätigkeit Interdisziplinärer Frühförderstellen mit Sozialpädiatrischen Zentren und niedergelassenen Ärzten und Therapeuten.

Logopädische Praxen

Unter bestimmten Voraussetzungen können Leistungen der Frühförderung auch in einer logopädischen Praxis erbracht werden, wenn

  • z. B. ein Kind Therapie in der Frühfördereinrichtung erhält, es aber außerdem aufgrund einer weiteren Diagnose logopädische Therapie benötigt, kann diese unabhängig von der Behandlung im Rahmen der Frühförderung ambulant erbracht werden (Beispiel: Das Kind bekommt im Rahmen der Frühförderung eine orofaziale Regulationstherapie und wird gleichzeitig wegen einer phonologischen Störung ambulant behandelt).
  • z. B. eine Frühfördereinrichtung die notwendige Therapie nicht erbringen kann, obwohl diese im Behandlungsplan vorgesehen ist, kann eine niedergelassene Therapeutin diese Therapie übernehmen.
  • z. B. im Behandlungsplan eine Empfehlung zu logopädischer Therapie ausgesprochen wird, kann diese im Rahmen der ambulanten Heilmittelversorgung erbracht werden.

Therapeutische Leistungen, die bereits von der Frühfördereinrichtung erbracht werden, dürfen nicht zusätzlich als Heilmittel verordnet werden.

Welche Leistungen werden im Rahmen von Frühförderung erbracht?

Frühförderung ist eine Leistung im Bereich der medizinischen Rehabilitation. Sie dient zur Versorgung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder. Dies ist gesetztlich in SGB IX § 30 festgelegt. Frühfördermaßnahmen umfassen ärztliche und nichtärztliche therapeutische, sozialpädiatrische, psychologische, heilpädagogische, psychosoziale Leistungen sowie die Beratung der Erziehungsberechtigten.
Die Inanspruchnahme von Maßnahmen der Früherkennung/Frühförderung gestaltet sich nach den Regelungen der Frühförderungsverordnung (FruehV), wobei die Leistungen in folgender Reihenfolge erbracht werden:

  1. Verordnung von interdisziplinärer Diagnostik im Sozialpädiatrischem Zentrum oder Frühförderzentrum durch einen Vertragsarzt
  2. Interdisziplinäre Diagnostik in einem Sozialpädiatrischen Zentrum unter ärztlicher Leitung oder Interdisziplinäre Diagnostik in einem Frühförderzentrum unter ärztlicher Verantwortung (Kooperationsarzt)
  3. Ergebnis der Diagnostik: Frühförderbedarf, Kein Frühförderbedarf,  Andere Empfehlung
    Im Falle von Frühförderbedarf wird ein Förder- und Behandlungsplan in Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten unterzeichnet vom zuständigen Arzt und der pädagogischen Fachkraft erstellt, der folgende Angaben enthält:
    • Diagnosestellung nach ICD 10; relevante anamnestische Daten; wesentliche Befunde;
    • Darstellung und Beurteilung von vorhandenen Funktionen und Ressourcen;
    • Auflistung der nach dem individuellen Bedarf voraussichtlich erforderlichen Förder- und Behandlungsangebote für das Kind unter Einbeziehung seiner Bezugspersonen mit Angabe von Art, wöchentlicher Frequenz, Förder- und Behandlungszeitraum, erforderlichen Hilfen und Hilfsmitteln, Behandlungs-/ Förderort (Interdisziplinäre Frühförderstelle oder Sozialpädiatrisches Zentrum);
    • Festlegung eines individuellen Gesamtzieles sowie individueller fachspezifischer Förder- und Behandlungsziele;
    • Besonderheiten bei der Umsetzung des Förder- und Behandlungsplans.
  4. Antrag auf Leistungen bei einem Rehabilitationsträger (Krankenkasse oder Sozialhilfeträger) auf der Grundlage des Förder- und Behandlungsplanes.

Welche logopädische Leistungen werden im Rahmen von Frühförderung erbracht?

Spezifisch logopädische Aufgaben bestehen in der Unterstützung und Förderung von Kommunikationsbereitschaft und -kompetenz des Kindes sowie seinen Ausdrucksmöglichkeiten (Müller-Fehling 2003). Dabei ist es wesentlich, das Interesse des Kindes an Kommunikation zu wecken, es zur Kommunikation zu ermutigen und dafür Sorge zu tragen, die neu erlernten Kompetenzen in unterschiedlichen Situationen (in der Einrichtung und zuhause) mit unterschiedlichen Spiel- und Gesprächspartnern auszuprobieren.

Der logopädische Aufgabenkatalog kann folgende Punkte umfassen:

  • Logopädische Eingangs- und Begleitdiagnostik des frühen Kindesalters
  • Feststellung der Kommunikationsmöglichkeiten in der Lebenswelt des Kindes
  • Logopädische Therapie mit dem Kind, insbesondere auch sprachvorbereitende und sprachunterstützende Maßnahmen
  • Funktionelle Hilfen für Atmung, Essen/Trinken sowie Sprechatmung und Artikulation
  • Planung, Vermittlung lautsprachersetzender und -begleitender Kommunikationshilfen („unterstützte Kommunikation“)
  • Arbeit mit der Familie im Hinblick auf kommunikationsfördernde Lebensbedingungen
  • Mitwirkung an der Erarbeitung des Förderkonzepts und Ausarbeitung der logopädischen Anteile
  • Begleitende Abstimmung der fachlichen Arbeit mit den anderen an der Förderung beteiligten Fachkräften
  • Kompetenztransfer
  • Dokumentation und deren Einbindung in die interdisziplinäre Evaluation

Hörbehinderte Kinder sollten bilingual gefördert werden, d.h. sowohl die Förderung der Gebärdensprache als auch der Lautsprache stehen im Mittelpunkt sprachtherapeutischer Arbeit. (s. Broschüre des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V.).

Wo finden Eltern Rat und Hilfe?

Ansprechpartner sind der betreuende Kinderarzt sowie alle Einrichtungen, die Frühförderung anbieten. Die Vereinigung „Interdisziplinäre Frühförderung“ (VIFF) bietet Informationen zu Frühfördereinrichtungen bundesweit. Die Adressen von Sozialpädiatrischen Zentren sind auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) in einem länderspezifischen Adressverzeichnis abrufbar. Mit Hilfe der dbl-Therapeutensuche sind fachlich qualifizierte LogopädInnen zu finden.

Weiterführende Informationen

Behandlungsleitlinien: Je nach Störungsbild gelten die entsprechenden Leitlinien unter Vorbehalt auch für die Behandlung behinderter Kinder, wie z.B. die interdisziplinäre Leitlinie der AWMF „Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen (SES) unter Berücksichtigung umschriebener Sprachentwicklungsstörungen“. Die AWMF Leitlinie „Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel“ der deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) (2008) gibt Hinweise zum Einsatz von Kommunikationshilfen mit schrift- oder bildgestützter Eingabe und Sprachausgabe, die der Unterstützung der alltäglichen Kommunikation bei Dysarthrie, Sprechapraxie und Aphasie dienen sollen.

Verordnung nach Heilmittelkatalog:
Diagnosegruppe je nach Störungsbild: SP1, SP3, SC1 bzw. SC2, ST1
Die Verordnung von Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie ist gesetzlich geregelt, Hinweise dazu finden Sie hier.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

Bei der Umsetzung der gesetzlichen Richtlinien ist für Logopäden vor allem interessant, inwieweit Frühförderung mit der ambulanten Heilmittelversorgung vereinbar ist bzw. wo beide Bereich voneinander abgegrenzt werden müssen. Im Allgemeinen gilt: Niedergelassene Heilmittelerbringer dürfen auf folgender Grundlage neben oder im Rahmen von Frühförderung tätig werden (vgl. VIFF 2003):

  • Logopädische Therapie kann gleichzeitig mit Leistungen der Frühförderung erbracht werden, wenn diese nicht im Rahmen der Frühförderung geleistet wird.
  • Erhält ein Kind logopädische Therapie in der Frühfördereinrichtung, benötigt aber außerdem aufgrund einer weiteren Diagnose logopädische Therapie, kann diese unabhängig von der Behandlung im Rahmen der Frühförderung ambulant erbracht werden (Beispiel: Das Kind bekommt im Rahmen der Frühförderung eine orofaziale Regulationstherapie und wird gleichzeitig wegen einer phonologischen Störung ambulant behandelt).
  • Kann eine Frühfördereinrichtung die notwendige Therapie nicht erbringen, obwohl diese im Behandlungsplan vorgesehen ist, kann eine niedergelassene Therapeutin diese Therapie übernehmen.
  • Wird im Behandlungsplan lediglich eine Empfehlung zu logopädischer Therapie ausgesprochen, wird diese im Rahmen der ambulanten Heilmittelversorgung erbracht.
  • Therapeutische Leistungen, die bereits von der Frühfördereinrichtung erbracht werden, dürfen nicht zusätzlich als Heilmittel verordnet werden.

Es besteht für freiberufliche Logopäden als Praxisinhaber die Möglichkeit, mit der Frühfördereinrichtung einen Kooperations- bzw. einen Versorgungsvertrag abzuschließen (s.Materialien). Hierbei werden Art und Umfang der logopädischen Leistungen definiert und festgelegt, inklusive der spezifischen Anforderungen in der Frühförderung, z.B. Zeiten zur Aufstellung des Behandlungsplanes, Teambesprechungen etc. Außerdem wird eine entsprechende Vergütung vereinbart, die seitens der Frühfördereinrichtung an die Praxis bezahlt wird. Die Refinanzierung dieser Kosten erfolgt dann über den jeweiligen Kostenträger, der für die Frühförderung insgesamt aufkommt. Dies liegt im Zuständigkeitsbereich der Frühfördereinrichtung.

Modelle zur Kooperation

Für die Einbindung externer Fachkräfte in das Team einer Interdisziplinären Frühförderstelle sind unterschiedliche Modelle verbindlicher und vertraglich vereinbarter Kooperation möglich (vgl. Müller-Fehling 2003):

  • Kooperation mehrerer benachbarter Interdisziplinärer Frühförderstellen, was ggf. die Stelle von Logopäden einer Frühfördereinrichtung sichern kann, indem durch die Betreuung einer weiteren Frühfördereinrichtung die Auslastung optimiert wird.
  • Kooperation einer oder mehrerer Interdisziplinärer Frühförderstellen mit einem Sozialpädiatrischen Zentrum mit den gleichen Effekten, d.h. ggf. Stellen zu sichern.
  • Interdisziplinäre Frühförderstelle angebunden an ein Sozialpädiatrisches Zentrum mit entsprechend höherem Personalschlüssel.
  • Kooperation mehrerer Interdisziplinärer Frühförderstellen mit einem festen Pool von Kinderärzten und Therapeuten, wobei niedergelassene Logopäden sich ihren Platz in dem jeweiligen Therapeutenpool sichern können.
  • Kooperation mit dem örtlichen Gesundheitsamt, Abteilung Kinder- und Jungendärztlicher Dienst, bei dem z.T. auch Logopädinnen und Logopäden anzutreffen sind.
  • Kooperation mit einzelnen niedergelassenen Kinderärzten und Therapeuten auf der Grundlage von individuellen Vereinbarungen niedergelassener Logopäden mit jeweils einer Frühfördereinrichtung.

Vertragsgestaltung: Freie Praxis - Frühfördereinrichtung

In den Kooperationsverträgen muss – entsprechend dem jeweiligen Profil der Interdisziplinären Frühförderstelle – folgendes verbindlich geregelt sein:

  • Modalitäten (inkl. Vergütung) der praktischen Durchführung der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Früherkennung und Frühdiagnostik,
  • Modalitäten (inkl. Vergütung) der Erarbeitung der Förder- und Behandlungspläne,
  • Organisation der Umsetzung der Verlaufs- und Kontrolldiagnostik,
  • Modalitäten (inkl. Vergütung) der Dokumentation und wechselseitigen Information,
  • Beteiligung an Teamsitzungen und Fallbesprechungen,
  • Supervision und Fortbildung,
  • Beteiligung an der Qualitätsentwicklung und Evaluation.

Die Preisgestaltung muss sich vernünftiger Weise an den Kosten orientieren, die dem behandelnden Logopäden tatsächlich entstehen. Dies entspricht nicht nur dem Betrag, den der Logopäde in gleicher Zeit in eigener Praxis erwirtschaftet hätte, sondern bezieht auch die, in Abwesenheit de Logopäden weiterlaufenden Kosten für Miete, Strom, etc. sowie anfallende Fahrtkosten und Zeitaufwand mit ein. Hier sollte man nicht allzu knapp kalkulieren, da in der Regel einmal getroffene Preisabsprachen nur schwer nach oben korrigiert werden können. Hinzu kommt, dass eine schlecht verhandelte Vergütung oft auch die Verhandlungen in der Region beeinflusst und dann zur maßgeblichen Verhandlungsbasis werden kann.
Sind der Vertrag und die Vergütung zwischen Logopäden und der Frühfördereinrichtung gut verhandelt, sollten keine negativen wirtschaftlichen Konsequenzen entstehen. Ggf. kann seitens der kooperierenden Praxis die Anschaffung eines Dienstfahrzeuges zur Diskussion stehen sowie die Schaffung einer weiteren Stelle in der Praxis, die mit spezialisierten oder sich spezialisierenden Logopäden besetzt wird.
Bei Kooperation mit mehreren Einrichtungen in der Umgebung kann dies durchaus lohnend sein, da für diese Kollegen in der Praxis keine Räumlichkeiten vorgehalten werden müssen.
Sofern die betreffende Frühfördereinrichtung die logopädischen Therapieleistungen nicht selbst im vorgesehenen Umfang erbringen kann, besteht ggf. die Möglichkeit, diese seitens niedergelassener Logopäden in der eigenen Praxis anzubieten. Auch in diesem Falle sollte ein Kooperationsvertrag abgeschlossen werden, falls die Vergütung nicht über eine Kassenverordnung abgewickelt wird  - was möglich ist - sondern die Frühfördereinrichtung die therapeutische Leistung von der Praxis „einkauft“. Allerdings sollten in diesem Falle Aspekte wie Hin- und Rücktransport etc. geklärt werden.

Möglichkeiten für Angestellte

Kann oder möchte keine logopädische Praxis in der Umgebung mit der Frühfördereinrichtung eine Kooperation eingehen, können auch Angestellte in logopädischen Praxen oder anderen Einrichtungen im Rahmen einer freiberuflichen Nebentätigkeit eine Frühfördereinrichtung betreuen und z.B. Beratungsangebote für Eltern und Angehörige betroffener Kinder in Zusammenarbeit mit der Frühförderstelle anbieten sowie im Rahmen eines gewissen Stundenumfanges diagnostisch und therapeutisch tätig werden. Hier sind die entsprechenden steuerlichen Pflichten des Arbeitnehmers zu beachten sowie die arbeitsrechtlich korrekte Abwicklung gegenüber dem Arbeitgeber. Dieser muss sich in der Regel mit der Nebentätigkeit des Angestellten schriftlich einverstanden erklären. Dieses Einverständnis kann gewissen Bedingungen unterliegen, z.B. dass der Arbeitnehmer nicht in Konkurrenz zum Arbeitgeber tätig werden darf etc.

Modalitäten der Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit zwischen Frühfördereinrichtungen und niedergelassenen Logopäden bedeutet für beide Seiten die Einhaltung gewisser Kriterien. Eine Frühfördereinrichtung muss folgenden Anforderungen an die Leistungserbringung gerecht werden (vgl. Müller-Fehling 2003):

  • Vorhaltung der personellen, räumlichen und sächlichen Ausstattung
  • Sicherstellung der mobilen und/oder ambulanten Förderung und Behandlung des Kindes sowie der Begleitung der Eltern und Familie
  • Durchführung regelmäßiger Team- und Fallbesprechungen
  • Kooperation mit anderen das Kind betreffende Einrichtungen
  • Mitwirkung beim Übergang des Kindes in eine andere Einrichtung (Kindertagesstätte, Schule, Krankenhaus ..)
  • Leistungsdokumentation
  • Übereinstimmung der Konzeption der Interdisziplinären Frühförderstelle mit den Zielen der zu erbringenden Leistungen und Anpassung an veränderte Standards
  • Evaluation und Qualitätsentwicklung
  • Personalentwicklung
  • Öffentlichkeitsarbeit

Dieser Leistungskatalog stellt eine Verpflichtung dar, die logopädische Versorgung im Rahmen der Frühförderung zu gewährleisten, sei es durch angestellte Logopäden oder aber mittels Kooperationsverträgen durch freie Praxen.

Logopädische Leistungen

Spezifisch logopädische Aufgaben bestehen in der Unterstützung und Förderung von Kommunikationsbereitschaft und -kompetenz des Kindes sowie seinen Ausdrucksmöglichkeiten (Müller-Fehling 2003). Dabei ist es wesentlich, das Interesse des Kindes an Kommunikation zu wecken, es zur Kommunikation zu ermutigen und dafür Sorge zu tragen, die neu erlernten Kompetenzen in unterschiedlichen Situationen (in der Einrichtung und zuhause) mit unterschiedlichen Spiel- und Gesprächspartnern auszuprobieren.

Der logopädische Aufgabenkatalog kann folgende Punkte umfassen:

  • Logopädische Eingangs- und Begleitdiagnostik des frühen Kindesalters
  • Feststellung der Kommunikationsmöglichkeiten in der Lebenswelt des Kindes
  • Logopädische Therapie mit dem Kind, insbesondere auch sprachvorbereitende und sprachunterstützende Maßnahmen
  • Funktionelle Hilfen für Atmung, Essen/Trinken sowie Sprechatmung und Artikulation
  • Planung, Vermittlung lautsprachersetzender und -begleitender Kommunikationshilfen
  • Arbeit mit der Familie im Hinblick auf kommunikationsfördernde Lebensbedingungen
  • Mitwirkung an der Erarbeitung des Förderkonzepts und Ausarbeitung der logopädischen Anteile
  • Begleitende Abstimmung der fachlichen Arbeit mit den anderen an der Förderung beteiligten Fachkräften
  • Kompetenztransfer
  • Dokumentation und deren Einbindung in die interdisziplinäre Evaluation

Diesen Anforderungen können Logopäden bestmöglich nachkommen, wenn auch die persönliche Qualifikation den Erfordernissen entspricht. Insbesondere sind relevant (vgl. Müller-Fehling 2003):

  • Kenntnisse und Fähigkeiten zur individuellen Hilfsmittelversorgung und zur Anpassung von Spielzeug, Werkzeug, Kleidung und räumlichem Umfeld des Kindes.
  • Kenntnisse entwicklungsdiagnostischer Beobachtungs- und Prüfverfahren und Fähigkeiten ihrer kindgerechten Anwendung.
  • Fähigkeit des Kompetenztransfers.
  • Kompetenzen in der sachgerechten Dokumentation, Evaluation und Vermittlung von Vorgehensweisen und Ergebnissen.
  • Differenzierte Kenntnisse der funktionell-anatomischen, neurophysiologischen, neuropsychologischen und artikulatorischen Grundlagen des Sprechens und der Sprache.
  • Differenzierte Kenntnisse der emotionalen, kommunikativen und kognitiven Bedingungen des Spracherwerbs.
  • Differenzierte Kenntnisse zur Entstehung der Voraussetzungen des Spracherwerbs im sensumotorischen Handeln und der Eigenaktivität im tonischen Dialog des Kindes.
  • Differenzierte Kenntnisse von Theorien der Sprachentwicklung, in denen die Eigenaktivität des Kindes eine besondere Bedeutung hat. Kenntnisse präverbaler und nicht-verbaler Kommunikationsmöglichkeiten.
  • Kenntnisse psycholinguistischer Theorien.
  • Differenzierte Kenntnisse der Entwicklung von Sprechen und Sprache und deren Störungen.
  • Kenntnisse von Störungsbildern, die zu Beeinträchtigungen des Sprechens und der Sprache führen können.
  • Differenzierte Kenntnisse von Konzepten sprachvorbereitender, sprachanbahnender, sprachtherapeutischer und lautsprachbegleitender Förderung von Kindern mit Beeinträchtigungen in der Entwicklung des Sprechens und der Sprache.
  • Kompetenzen in der kindgerechten und alltagsorientierten Anwendung funktioneller Hilfen bei Atmung und Essen/Trinken sowie in der Anwendung von Techniken und Methoden der Sprachförderung und –therapie.
  • Kompetenzen in der freien und standardisierten Überprüfung der Sprech- und Sprachentwicklung im Rahmen einer interdisziplinären Förderdiagnostik.
  • Kompetenzen in der kindgemäßen Anwendung von Techniken unterstützter Kommunikation.
  • Kompetenzen in der Erkundung und Schaffung kommunikationsfördernder Alltagsbedingungen und der Beratung der Familie des Kindes im Hinblick auf die Schaffung sprachanregender Alltagssituationen.