Sie befinden sich hier: Startseite > Kommunikation, Sprache, Sprechen, Stimme, Schlucken > Normale Entwicklung > Mehrsprachiger Spracherwerb 

Mehrsprachiger Spracherwerb

Je nachdem, was man unter "Sprache" versteht, meint man mit Mehrsprachigkeit etwas anderes.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird anstelle von Mehrsprachigkeit häufig der Begriff Zweisprachigkeit/Bilingualismus verwendet.
Mit Zweisprachigkeit oder Bilingualismus ist gemeint, dass zwei Sprachen zur gleichen Zeit erworben werden, d.h. das Kind lernt die Laute, Wörter und die Grammatik von mindestens zwei unterschiedlichen Sprachen parallel. Dies bedeutet, dass sich diese beiden Sprachen aufgrund der Laute, des Wortschatzes und der Grammatik, aber auch aufgrund ihrer Geschichte und ihres sozio-kulturellen Hintergrundes unterscheiden lassen. Der gleichzeitige Erwerb von Hochdeutsch und Sächsisch wird nicht als mehrsprachig verstanden (vgl. dazu Crystal 1995, S. 284ff).
Es gibt aber auch andere Vorstellungen davon, was man unter Sprache verstehen kann, dazu gehört die nachfolgende Beschreibung von Sapir:

"Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode, zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen." (Sapir 1961)

Mehrsprachigkeit oder Multi/Bilingualismus wäre nach diesem Verständnis die Verwendung unterschiedlicher Symbolsysteme (sprachliche, z.B. Wörter und nicht-sprachliche Zeichen, wie Gestik, Mimik und Gebärden). Dieses Verständnis beinhaltet, dass alle Menschen mehrsprachig aufwachsen, auch das gehörlose Kind, das sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache erwirbt. Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. hat dazu eine Broschüre erstellt,  die u.a. auch auf "Hörbehinderung und Sprachentwicklung" näher eingeht.

"Demographisch betrachtet ist Mehrsprachigkeit keine Ausnahme sondern Normalität ... aus sprachwissenschaftlicher Perspektive (ist) Einsprachigkeit eigentlich eine Fiktion." Denn zur Mehrsprachigkeit zählt dann auch die Beherrschung von Dialekten, unterschiedlichen Sprachstilen und Fachsprachen, in der sich die "grundlegenden Fähigkeiten des menschlichen Gehirns, mit mehr als einer Sprache umzugehen" widerspiegelt (vgl. Tracy 2007).

Wichtig:

  • Kinder, die bis zum Zeitpunkt des Erwerbs des Deutschen eine normale sprachliche Entwicklung in ihrer Muttersprache (z.B. Türkisch oder Russisch) durchlaufen haben, haben in der Regel keine Probleme mit dem Zweitsprachenerwerb.
  • "Eine zufriedenstellende zweisprachige Entwicklung wird gefördert durch emotional positiv besetzte Sprachenkontakte, durch eine orientierende Familienerziehung, durch eine unterstützende Schulbildung und durch eine gesellschaftliche Wertschätzung der weniger häufig gesprochenen Sprachen." (Reich & Roth 2002)
  • Mehrsprachigkeit stellt in der Regel kein Problem dar, sondern wirkt sich eher unterstützend auf die kognitive Entwicklung der Kinder aus. Daher sollte der Erwerb mehrerer Sprachen auf jeden Fall unterstützt werden.

Typische Kennzeichen des Mehrspracherwerbs

Der Erwerb mehrerer Sprachen gleichzeitig oder auch nacheinander ist zwar bei jedem Menschen unterschiedlich, weist aber bestimmte Kennzeichen auf, die nachfolgend in Anlehnung an Tracy (2002) beschrieben werden.

Asynchronität des Verlaufs

Damit ist gemeint, dass die sprachliche Entwicklung im Falle von Bilingualität in einer Sprache manchmal schneller als in der anderen verläuft.

"hier hab' ich ein Stühle" - Konjugiertes Verb in Zweitstellung (Phase IV)
"papa doing": Verb nicht konjugiert (Phase II) 

Während im deutschen Satz das Verb bereits konjugiert wird, ist dies im englischen Beispiel noch nicht der Fall. Daher befindet sich das Kind in den beiden Sprachen in zwei unterschiedlichen Entwicklungsphasen (Phase IV bzw. Phase II).
Der Spracherwerb mehrsprachig aufwachsender Kinder verläuft jedoch in der Regel nicht langsamer als der einsprachig aufwachsender Kinder, u.U. kann sich der Erwerb der einen Sprache sogar beschleunigend auf den Erwerb der anderen Sprache auswirken.

Metasprachliche Fähigkeiten

Die Kinder wissen oft schon sehr früh, dass sie unterschiedliche Sprachen erlernen und teilen dies auch mit.

Mutter: "In the KITA they call it "Frühstück", don't they?"
Kind: "Und du heisst das "breakfast".

Dem Kind ist bewusst, dass in der Kita eine andere Sprache gesprochen wird als zu Hause, gleichzeitig formuliert es diese Beobachtung in einer Art  "Mischäußerung".

Mischäußerungen

Während des Spracherwerbs kommt es zu Mischäußerungen, d.h. die Kinder sprechen in einer Mischung aus Wörtern der unterschiedlichen Sprache und/oder übertragen grammatische Regeln der einen in die andere Sprache (Interferenzen):

"Sie haben gone away".

Das Kind kombiniert das Personalpronomen und das Hilfsverb des Deutschen mit dem englischen Partizip Perfekt, die Wortordnung gilt für beide Sprachen, was die Kombination sicherlich erleichtert.

Interferenzen

Beim  Erwerb des Deutschen als Zweitsprache kommt es zu ganz typischen "Fehlbildungen", die nicht mit "Sprachstörungen" zu verwechseln sind :

Verwechslung des Geschlechts, z.B. "die Auto"
fehlerhafter Gebrauch von Präpositionen: "bei die Baum" (statt: am Baum)
Auslassungen von Artikeln: "auf Baum"

Wichtig:

  • Mischäußerungen und Interferenzen kann ein normal entwickeltes Kind im Laufe der Entwicklung entweder alleine oder aber mit Hilfe von Förderung bewältigen.
  • Die beschriebenen Kennzeichen des Erwerbs können nur dann verstanden werden, wenn man die Sprachen erworben hat, um die es geht.

In Deutschland ist nach wie vor eine ausgeprägt ablehnende Haltung gegenüber dem Erwerb von z.B. Türkisch, Russisch oder Kroatisch zu beobachten, die sicherlich auch damit zusammenhängt, dass diese Sprachen nicht verstanden werden, das Englische hingegen sehr wohl. Dementsprechend werden die Fähigkeiten z.B. Türkisch-Deutsch sprechender Kinder, beide Sprache zu mischen, aufgrund mangelnden sprachlichen Verständnisses weniger gewertschätzt als die englisch-deutsch sprechender Kinder.

Hinweis

Alle Beispiele sind folgender Quelle entnommen: Gawlizek-Maiwald, I., Tracy, R. (1996). Bilingual bootstrapping. In: Müller, N. (Ed.). Studies in bilingual first and second language. Sonderheft Linguistics, 34. Jahrgang, Heft 5, S. 901-926.

Wie kann der Mehrspracherwerb unterstützt werden?

Ein Kind wird, egal ob es eine oder mehrere Sprachen erwirbt, immer von ähnlichen Verhaltensweisen Erwachsener profitieren (Unterstützung der Sprachfähigkeit) wobei die Qualität und Quantität des Inputs (vgl. dbl 2006) von besonderer Bedeutung beim Erwerb mehrerer Sprachen sind:
Qualität bedeutet, dass Eltern und andere Interaktionspartner, wie z.B. Verwandte oder Freunde, in der Sprache zu einem Kind im Spracherwerb sprechen, die sie am besten beherrschen.

Ein Kind, das zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts noch nicht die deutsche Sprache spricht und den Erstspracherwerb noch nicht abgeschlossen hat, sollte auf jeden Fall darin unterstützt werden, den Erstspracherwerb abzuschließen, d.h. seine Eltern sollten auch weiterhin in ihrer Muttersprache mit ihm sprechen.

Quantität bedeutet, dass ein Kind möglichst häufig die Sprachen anwenden kann, die es erwirbt.

Kinder sollten in den Kindergarten gehen, weil sie dort im Spiel mit anderen Kindern Sprache relativ mühelos erlernen können. Kinder sollten ihre deutschsprachigen Freunde außerhalb des Kindergarten zum Spiel treffen; diese Kontakte vervielfältigen das sprachliche Angebot.

Bei Kindern, die zum Kindergarteneintritt noch nicht die deutsche Sprache sprechen, sind Kindergärten optimal, in denen sowohl die bis dahin erworbene Sprache, z.B. Türkisch", als auch die deutsche Sprache angeboten wird, wobei Kinder und Erzieher mit der Erstsprache Türkisch und mit der Erstsprache Deutsch die Qualität des Inputs garantieren.
Kinder, die bis zum Zeitpunkt des Erwerbs des Deutschen eine normale sprachliche Entwicklung in ihrer Muttersprache (z.B. Türkisch oder Russisch) durchlaufen haben, haben in der Regel keine Probleme mit dem Zweitsprachenerwerb.

"Eine zufriedenstellende zweisprachige Entwicklung wird gefördert durch emotional positiv besetzte Sprachenkontakte, durch eine orientierende Familienerziehung, durch eine unterstützende Schulbildung und durch eine gesellschaftliche Wertschätzung der weniger häufig gesprochenen Sprachen." (Reich 2002, S. 16)

Mehrsprachigkeit stellt in der Regel kein Problem dar, sondern wirkt sich eher unterstützend auf die kognitive Entwicklung der Kinder aus (vgl. de Bleser 2006). Daher sollte der Erwerb mehrerer Sprachen auf jeden Fall unterstützt werden.

Weiterführende Informationen

Literaturhinweise

  • Crystal, D. (1995). Die Cambridge Encyclopädie der Sprache. Frankfurt: Campus
  • Gawlizek-Maiwald, I., Tracy, R. (1996). Bilingual bootstrapping. In: Müller, N. (Ed.). Studies in bilingual first and second language. Sonderheft Linguistics, 34. Jahrgang, Heft 5, S. 901-926
  • Sapir E. (1961). Die Sprache. München: Hueber
  • Reich, H.H. et al. (2002) Spracherwerb zweisprachig aufwachsender
    Kinder und Jugendlicher. Überblick über den Stand der internationalen und deutschsprachigen Forschung. Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.). Hamburg: Behörde für Bildung und Sport, Amt für Schule.
  • Tracy, R. (2002). Themenschwerpunkt "Spracherwerb". Deutsch als Erstsprache: Was wissen wir über die wichtigsten Meilensteine des Erwerbs? Universität Mannheim, Informationsbroschüre 1/2002 der Forschungs- und Kontaktstelle Mehrsprachigkeit
  • Tracy, R. (2007). Einführung in die Thematik. In: Landesstiftung Baden-Württemberg (Hrsg.). Frühe Mehrsprachigkeit – Mythen – Risiken – Chancen. Dokumentation zum Kongress am 5. und 6. Oktober 2006 in Mannheim. Schriftenreihe 28. S. 10-15

Materialien

dbl-Faltblätter und Tipps für Eltern

Auf einem kurzen Infoblatt werden grundlegende Tipps für Eltern gegeben, was sie beim Mehrspracherwerb ihrer Kinder berücksichtigen sollen., während das Faltblatt „Spracherwerb in zweisprachigen Familien“ auf die familiären Besonderheiten eingeht. Beide Dokumente liegen in deutscher, russischer und türkischer Sprache vor.

Das Faltblatt "Wie spricht mein Kind!" ist vom europäischen Dachverband der Logopäden (CPLOL) erstellt worden. Es gibt allgemeine Hinweise zum Spracherwerb, die für alle Sprachen Geltung haben. Das Faltblatt liegt in 17 europäischen Sprachen vor.

Staatsinstitut für Frühpädagogik

Auf der Website des Staatsinstituts für Frühpädagogik stehen Fragebögen für Eltern in 15 Sprachen zum Download zur Verfügung:

Arbeitskreis neue Erziehung

Der Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zweisprachige Elternbriefe herausgegeben, die in den Sprachen Griechisch, Italienisch, Russisch, Serbisch, Türkisch, Polnisch, Arabisch, Englisch und Französisch vorliegen. 

Die Elternbriefe sind kostenlos beim Center für Bestell-Publikationen der Bundesregierung zu beziehen: publikationen @ bundesregierung.de, oder beim
Arbeitskreis neue Erziehung e.V.: ane @ ane.de, auf dessen Webseite sie auch direkt heruntergeladen werden: