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Lese- und Schreiberwerb

Bereits vor der Einschulung werden wichtige Grundlagen für das Erlernen der Schriftsprache gelegt. Lesen und Schreiben lernen werden, ähnlich wie das Erlernen der Artikulation, durch soziale Interaktion, Beobachtung und Imitation erlernt.

Voraussetzungen für den Lese- und Schreiberwerb sind grundlegende (basale) Fähigkeiten.

Visuelle Wahrnehmung: z. B. das Kind unterscheidet Raum- Lagepositionen bei den Buchstaben d, b, q und p

Auditive Wahrnehmung: z. B. das Kind hört die Unterschiede der Laute g und k

Phonologische Bewusstheit: z. B. Reimen oder Silben klatschen

Der Schriftspracherwerb ist als Entwicklungs- und Lernprozess zu verstehen. Er verläuft in zeitlich und qualitativ unterschiedlichen Stufen. Diese bauen aufeinander auf und geben Einblicke in die Strategien, die bei der Beschäftigung mit Buchstaben bzw. Lauten verwendet werden.

Wie läuft der Lese- und Schreiberwerb ab?

Beim Lese- und Schreiberwerb können folgende Phasen unterschieden werden (vgl. Stufenmodell nach Frith, 1986):

Vorschulische Phase: Das Kind ordnet Logos (z. B. "m" dem bekanntem Mc Donalds) einen Sinn zu. Es "schreibt" seinen Namen und tut so, als wenn es lesen würde.

Alphabetische Phase: Das Kind versteht, dass ein Zusammenhang zwischen dem gesprochenem Laut und dem geschriebenen Buchstaben besteht. Es beginnt lautgetreu zu schreiben (z. B. Tomate, jedoch auch Winta für Winter).

Orthographische Phase: Es werden Regeln beachtet (z. B. Doppelung wie das "t" bei Mutter, das Dehnungs-h in z. B. Mehl oder Wörter mit "ie" wie Biene). Diese Stufe sollte in der 3. Klasse beherrscht werden.

Morphematische Phase: Das Kind erlernt die Struktur der Wörter. Es erkennt, dass Wörter vom Wortstamm abgeleitet werden können, z. B. das Wort "Mäuse" wird abgeleitet von Maus und wird deshalb mit "äu" geschrieben. Ebenso fällt die Fähigkeit zur Wortzergliederung in diese Stufe.

Wortübergreifende Phase: Das Kind erlernt die Regeln der Grammatik, der Wortbedeutung (z. B. bei der Getrennt- und Zusammenschreibung), die Wortarten (wichtig bei der Groß- und Kleinschreibung) und weitere sprachliche Aspekte (z. B. wörtliche Rede).

Wie können Eltern den Lese- und Schreiberwerb unterstützen?

Eltern können die Lese- und Schreibfreude wecken, indem sie z. B. dem Kind regelmäßig vorlesen.
Geduld und Lob (auch für das Bemühen) bei ersten Lese-und Schreibversuchen ermutigen das Kind. Eine weitere Möglichkeit, die basalen Fähigkeiten zu erlernen, bieten z. B. Vorschulhefte, die spielerisch und kindgerecht gestaltet sind (erhältlich in Büchereien oder im Buchhandel).

Empfehlungen zum Vorlesen von Kinderbüchern sind auf folgenden Internetseiten zu finden: 

Der "Vorleseclub" veröffentlicht zweimal jährlich eine  aktuelle Zusammenstellung von Kinderbüchern.

Der "Leipziger Lesekompass" stellt jährlich anlässlich der Buchmesse Bücher für Kinder von 2-6, 6-10 und 10-14 Jahren vor.

Des Weiteren gibt es Material und Hinweise beim Projekt "LeseStart" der Stiftung Lesen.  Eltern können zur U6 (1. Lebensjahr) bereits ein Materialpaket bei ihrem Kinderarzt erhalten. Ab 2013 gibt es für Kinder ab dem 3. Lebensjahr in Kindergärten Lesepakete und ab 2014 Materialien für Kinder zum Schulbeginn.

Wohin können sich Erwachsene wenden, die nicht lesen und schreiben können?

Erwachsene bis zum 26. Lebensjahr können sich an die zuständigen psychologischen Beratungsstellen des Wohnortes wenden. Danach muss die Förderung selbst finanziert werden. In Einzelfällen übernehmen Arbeitsämter oder Arbeitgeber eine Lese-Rechtschreibförderung.
Förderungen werden in LRS/ Legasthenie Instituten oder Lernpraxen angeboten.

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.  bietet auf seiner Webseite zahlreiche Informationen zur Finanzierung von Kursen, Angeboten und Möglichkeiten des Lese- und Schreiberwerbs im Erwachsenenalter.

Weiterführende Informationen

Literaturhinweis

Frith, U. (1986). Psychologische Aspekte des orthographischen Wissens. In: Augst, G. (hrsg). New Trends in Graphemics and Orthography. Berlin: de Gruyter