Sie befinden sich hier: Startseite > Kommunikation, Sprache, Sprechen, Stimme, Schlucken > Normale Entwicklung > Hörentwicklung 

Hörentwicklung - Hörphysiologie

Das Hören, d.h. die auditive Wahrnehmung, ist einer der fünf Sinne (Fühlen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken) des Menschen. Bereits im Uterus reagiert der werdende Mensch auf Geräusche bzw. Töne. Bei der Geburt ist das menschliche Ohr vollständig entwickelt, d.h. der Säugling reagiert dann sowohl auf sehr leise als auch auf sehr laute Geräusche/Töne, beispielsweise durch Stirne runzeln, Hinwenden zur Geräuschquelle oder lautes Schreien.

Wie funktioniert Hören?

Anatomie des menschlichen Ohres
Anatomie des menschlichen Ohres (Bild: Chittka L, Brockmann)

Das Hörorgan besteht aus Außen-,  Mittel- und Innenohr (peripher) sowie der zentralen Hörbahn und der Hörrinde bzw. dem Hörzentrum im Gehirn (zentral). Der Hörprozess umfasst periphere und zentrale Teilfunktionen.
Das Außen-, Mittel- und Innenohr dienen den peripheren Teilfunktionen  der Schallaufnahme, Schallverstärkung und  Schallweiterleitung.

  • Über die Ohrmuschel wird der Schall aufgenommen und gelangt durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell, eine hauchdünne Membran, die die Grenze zum luftgefüllten Mittelohr bildet.
  • Das in Schwingung versetzte Trommelfell leitet den Schall über die Gehörknöchelchenkette im Mittelohr an das Innenohr weiter.
  • Im flüssigkeitsgefüllten Innenohr wird durch den Schall eine Wellenbewegung ausgelöst.
  • Diese Wellenbewegung überträgt sich auf die "Basilarmembran" und die "Haarzellen" des Innenohres.
  • Die akustisch-mechanische Schallinformation wird nun in ein komplexes Nervensignal umgewandelt, das über den Hörnerven und die zentrale Hörbahn zum Hörzentrum im Gehirn weitergeleitet und dort interpretiert wird (Probst et al. 2008).

Wahrnehmung, Verarbeitung und Interpretation von Höreindrücken

Konkret bedeutet dies, dass eine Geräuschlokalisation stattfindet, Störschall in einem gewissen Ausmaß unterdrückt wird und Geräusche, Töne und Laute voneinander unterschieden werden.

Spracheinheiten wie Laut, Silbe, Wort und  Satz  werden erkannt und Dauer, Intensität und Betonung des akustischen Signals werden erfasst.

Diese zentralen Teilfunktionen der Wahrnehmung und Interpretation der in der Hörrinde ankommenden Informationen führen zu einem bedeutungsvollen Höreindruck.

Wie entwickelt sich die Fähigkeit zu hören in der Kindheit?

Die nachfolgende Beschreibung des Verlauf der Hörentwicklung basiert im Wesentlichen auf Thiel (2000):

  • In der sechsten Schwangerschaftswoche ist das Hörorgan angelegt. Schon ab der 22. Schwangerschaftswoche lassen sich Reaktionen des Fetus auf akustische Reize nachweisen.
  • Nach der Geburt entwickelt sich die Hörfähigkeit des Kindes durch die ständige akustische Anregung der Umwelt. Das Neugeborene reagiert zunächst mit Reflexen (Lidreflex/Mororeflex) oder Bewegungsänderungen in den Mimik oder Augenweitstellung nur auf laute Schallreize.
  • In den ersten drei Monaten zeigen Säuglinge zunehmend auditive Aufmerksamkeit, erkennen die elterlichen Stimmen und erschrecken bei lauten Geräuschen.
  • Zwischen dem 3. und 6. Monat wachen Säuglinge bei lauten Geräuschen auf und zeigen Interesse und Suchbewegungen für auffällige Geräusche und Laute.
  • Ab dem 6. Monat zeigen Kinder Freude an Geräuschen und Musik. Typische Intonationsmuster (z.B. steigend oder fallend) der Umgebungssprache werden erkannt und die zweite Lallphase wird durchlaufen.
  • Mit 9 Monaten reagieren Kinder auf ihren Namen und verstehen Wörter. Sie fangen an zu erkennen, woher ein Schallsignal kommt.
  • Mit ca. einem Jahr können Kinder Schallreize sicher und direkt lokalisieren. Sie verstehen Verbote, reagieren auf leise Zusprache und sprechen selbst erste Wörter.
  • Mit ca. zwei Jahren verstehen Kinder Aufforderungen und Fragen sowie geflüsterte Sprache.
  • Bis zum dritten Lebensjahr, spätestens jedoch mit vier Jahren können Kinder komplexe Sprachäußerungen verstehen und die bewusste Wahrnehmung und Differenzierung einzelner Laute der Sprache ist möglich.

Woran erkennen Eltern, dass Ihr Kind gut hört?

Eltern beobachten ihr Kind in gemeinsamen Interaktionen meist sehr genau und können anhand der Angaben für eine normale Hörentwicklung erkennen, ob ihr Kind altersgemäß auf akustische Reize und die Stimmen der Eltern reagiert. In den ersten Lebensmonaten äußern sich die Reaktionen des Kindes durch Augenblinzeln, Reflexbewegungen und leichte Kopfbewegungen. Säuglinge lassen sich durch die elterlichen Stimmen beruhigen. Im 4. bis 6. Monat werden die Kopfbewegungen als Reaktion auf einen akustischen Reiz deutlicher; die Kinder wenden sich dem Schallsignal zu und reagieren auf Ansprache durch ihre Eltern. Mit ca. 9 Monaten fangen Kinder an, eine Schallquelle automatisch zu lokalisieren. Ab dem ersten Lebensjahr reagieren Kinder sicher und direkt auf akustische Reize, auch wenn die Schallquelle nicht sichtbar ist. Der Hörsinn und damit die Fähigkeit zu hören ist eine wichtige Grundlage für die lautsprachliche Kommunikation, die Sprachentwicklung und die kognitiv-soziale Entwicklung eines Menschen.

Eventuell hilfreich für Eltern ist folgende Überprüfung der ASHA  (American Speech Language Hearing Association) zur Einschätzung der Hörfähigkeit von Kindern.

Einschätzung der Hörfähigkeit des Kindes durch die Eltern

Zeigt Ihr Kind die nachfolgend beschriebenen Verhaltensweisen bzw. Symptome sollten sie es in Hinblick auf eine Hörstörung von einem Facharzt (HNO, Pädaudiologe, Phoniater) überprüfen  lassen.

  • Ihr Kind reagiert mal direkt, mal gar nicht auf Ansprache bzw. wenn sie nach ihm rufen.
  • Ihr Kind folgt Anweisungen nicht korrekt.
  • Ihr Kind reagiert oft mit „Wie?“ oder “Was?“
  • Die Sprachentwicklung Ihres Kindes ist verzögert.
  • Die Artikulation Ihres Kindes ist schwer verständlich.
  • Das Kind stellt Medien (Radio, TV, CD Spieler, etc.) durchgehend sehr laut ein.

Weiterführende Informationen

Literaturhinweise

  • ASHA (American Speech, Language, Hearing Association). Self-Test for Hearing Loss. URL: http://www.asha.org/public/hearing/Self-Test-for-Hearing-Loss/; 11.12.2012
  • Probst, R.; Grevers, G.; Iro, H. (Hrsg.) (2008): Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. 3. Aufl., Stuttgart: Thieme
  • Thiel; M. (2000). Logopädie bei kindlichen Hörstörungen. Ein mehrdimensionales Konzept für Therapie und Beratung. Berlin: Springe