Niklas Alka (1), Juliane Klann, M.A. (1, 2, 3), Dr. rer. med. Mario Staedtgen (2), Dr. med. Ingo Meister (4, 5), Prof. Dr. phil. Walter Huber (1)
Aktivierung des Spiegelneuronsystems in der Therapie von Aphasie - eine Benennstudie
(1) Neurolinguistik,Abteilung für Neurologie, Universitätsklinikum der RWTH Aachen
(2) Interdisziplinäres Zentrum für klinische Forschung BIOMAT., CNS, RWTH Aachen
(3) Institut für Linguistik, Universität zu Köln
(4) Neurologische Klinik, Universität zu Köln
(5) Max Planck Institut für neurologische Forschung, Köln
Einleitung
Die Studie evaluiert eine neue Benenntherapie für aphasische Patienten. Die Therapie beruht auf der Theorie des sogenannten Spiegelneuronensystems (mirror neuron system = MNS), welche eine enge funktionale Verknüpfung zwischen präfrontalen kortikalen Spracharealen und handmotorischen Arealen in der dominanten Hemisphäre postuliert (Tokimura H, Tokimura Y, Oliviero A, Asakura T, Rothwell JC). Diese Annahme wird gestützt von der Beobachtung, dass die Erregbarkeit des linken Handareals bei verbalen Aufgaben ohne motorische Anforderung erhöht ist (Meister IG, Boroojerdi B, Foltys H, Sparing R, Huber W, Töpper R). Darüber hinaus konnte ein fazilitierender Effekt der aphasischen Benennleistung durch gleichzeitiges Ausführen einer pantomimischen Handbewegung beobachtet werden. Die vorliegende Studie versucht, diesen Effekt auch für Patienten nutzbar zu machen, deren expressive Gestik in Folge des Schlaganfalls beeinträchtigt ist. Basierend auf der Beobachtung, dass Spiegelneurone bei Produktion und Rezeption einer objektbezogenen Handbewegung gleichermaßen feuern (Iacoboni M, Woods RP, Brass M, Bekkering H, Mazziotta JC, Rizzolatti G) wurde eine Therapiemethode entwickelt, bei der die motorischen Cues rezeptiv angeboten werden. Ziel der vorliegenden Studie ist es also, einen möglichen fazilitierenden Effekt rezeptiv dargebotener dynamischer Cues auf die Benennleistung bei Aphasie zu überprüfen.
Patienten
Die Therapie wurde mit acht rechtshändigen aphasischen Schlaganfallpatienten vaskulärer Genese durchgeführt (6 männlich, 2 weiblich; Alter von 38 bis 65 Jahren). Es wurden nur Patienten in die Studie aufgenommen, deren Benennleistung im Aachener Aphasie Test mit einem Prozentrang < 40 schwer beeinträchtigt war. Die Dauer der Aphasie variierte zum Therapiezeitpunkt zwischen 7 und 30 Monaten nach Ereignis.
Methode
Für die Studie entwickelten wir ein spezielles Benenntraining. 48 manipulierbare Objekte wurden in vier verschiedenen Bedingungen angeboten. Zwei Bedingungen (Bed. 2+4) wurden so konstruiert, dass sie nach der Voraussage der MNS-Theorie das Benennen fazilitieren müssten. Hier wurden rezeptive und expressive motorische Cues als Therapiematerial verwendet. Als Kontrolle sollten statische Fotos benannt werden (Bed.1). Zusätzlich nahmen wir eine Bedingung in die Studie auf, die der Untersuchung diente, ob auch nicht-objektbezogene dynamische Cues (Videos mit inkongruenter Handbewegung) das Benennen fazilitieren (Bed. 3).
Jede Bedingung setzte sich aus zwölf Items zusammen, die in jeder Sitzung viermal mit "decreasing cues" wiederholt wurden, um fehlerfreies Lernen zu gewährleisten (errorless learning) (Abel S, Schultz A, Radermacher I, Willmes K, Huber W). Die Patienten wurden über einen Zeitraum von zwölf Tagen zweimal pro Tag therapiert. Insgesamt wurde jede Bedingung in einer systematischen Reihenfolge sechsmal trainiert.
Auf Grundlage der MNS-Theorie erwarteten wir signifikant verbesserte Benennleistung in den Bedingungen 2 und 4 im Vergleich zu 1 und 3.
Ergebnisse
Alle Patienten verbesserten sich signifikant im Benennen. Wie erwartet wurde in Bedingung 2 eine verbesserte Benennleistung erzielt. Im Gegensatz dazu zeigte Bedingung 4 nicht den erwarteten Effekt. Dies führen wir auf die rechtsseitige Hemiparese in vielen der Patienten zurück. Bei zwei Patienten konnten spezifische Therapieeffekte in den kritischen Bedingungen im Vergleich zur statischen Bedingung 1 nachgewiesen werden. Numerisch zeigt sich Bedingung 3 mit den sinnfreien Videos als beste Bedingung in den meisten Patienten. Eine mögliche Erklärung hierfür kann in lernpsychologischen Theorien gefunden werden, die postulieren, dass die Verarbeitung inkongruenter Information, wie in unserer Therapiebedingung 3, zu einer tieferen Perzeption und Erinnerbarkeit führt (Schmidt SR).
Literatur
Tokimura H, Tokimura Y, Oliviero A, Asakura T, Rothwell JC (1996):
Speech-induced changes in corticospinal excitability. Annals of Neurology 40:628-34
Meister IG, Boroojerdi B, Foltys H, Sparing R, Huber W, Töpper R (2003):
Motor cortex hand area and speech: implications fort the development of language. Neuropsychologia 41:401-06
Iacoboni M, Woods RP, Brass M, Bekkering H, Mazziotta JC, Rizzolatti G (1999):
Cortical mechanisms of human imitation. Science 286:2526-28
Abel S, Schultz A, Radermacher I, Willmes K, Huber W (2005):
Decreasing and increasing cues in naming therapy for aphasia. Aphasiology 19(9):831-848
Schmidt SR (1991):
Can we have a distinctive theory of memory? Memory&Cognition 19:523-542
